[1]

Hinweis zum Urheberrecht

Abbildung

Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

Ihr Online-Material zum Buch

Im Online-Bereich zu diesem Buch erhalten Buchkäufer Zugriff auf kostenloses Zusatzmaterial. Bitte probieren Sie dieses Angebot aus!

So funktioniert ihr Zugang

Öffnen Sie die Internetseite zum Buch über diesen Link,

Oder gehen Sie auf http://sp-mybook.de und geben Sie den nachfolgenden Buchcode ein.

Wählen sie im Online-Bereich das gewünschte Material aus.

Buchcode: 3679-ef3a

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Print:ISBN 978-3-7910-3679-3Bestell-Nr.: 20175-0002
ePDF:ISBN 978-3-7910-3680-9Bestell-Nr.: 20175-0151
ePub:ISBN 978-3-7910-3883-4Bestell-Nr.: 20175-0100

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2017 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH
www.schaeffer-poeschel.de
info@schaeffer-poeschel.de

Umschlagentwurf: Goldener Westen, Berlin
Umschlaggestaltung: Kienle gestaltet, Stuttgart
Lektorat: Alexander Kurz, Stuttgart
Satz: kühn & weyh Software GmbH, Satz und Medien, Freiburg

August 2017

Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Ein Tochterunternehmen der Haufe Gruppe

Geleitwort zur 3. Auflage

von Saras D. Sarasvathy

Im Jahr 1997 machte ich mich auf die Reise, um zu verstehen, was sehr erfahrene Unternehmer im Zuge des Aufbaus mehrerer Unternehmen mit Erfolgen und Misserfolgen lernen. Nicht jeder Unternehmer, der ein erfolgreiches Unternehmen aufbaut, lernt, was Unternehmertum einen lehren kann. Der Erfolg kann viele Gründe haben, wie zum Beispiel einfach Glück oder einen guten Zugang zu Ressourcen und unternehmerischen Gelegenheiten. Die Erfahrung allein garantiert noch keine Meisterschaft. Um ein Experte[2] in seinem Feld zu werden, muss man Erfahrung mit systematischem Lernen und Anwenden kombinieren. Daher gab es auch Skepsis dahingehend, ob es überhaupt irgendwelche allgemeinen Erkenntnisse aus dem Unternehmertum zu ziehen gäbe.

Angenommen, es gibt diese wertvollen Erkenntnisse: Wie findet man heraus, welche davon die wichtigsten und damit der Schlüssel zur Entwicklung von Expertise im Unternehmertum sind?

Um zu untersuchen, ob und was man systematisch lernen kann und wie man zum Experten-Unternehmer wird, habe ich damals ein aufwendiges Forschungsprojekt basiert auf Methoden aus der Kognitionswissenschaft entwickelt. Zuerst habe ich den Experten-Unternehmer als Person definiert, die unter anderem:

Es gab zum Zeitpunkt der Studie nur 245 Menschen, die all meinen Kriterien entsprachen. Ich schrieb sie alle an und 45 davon waren bereit, an meiner Studie teilzunehmen. Für sie entwickelte ich eine 17 Seiten umfassende Aufgabe bestehend aus zehn Entscheidungssituationen, mit denen jeder Entrepreneur bei der Gründung und dem Aufbau eines neuen Unternehmens konfrontiert ist. Ich ließ alle Experten in meiner Studie diese 17 Seiten in meiner Anwesenheit durcharbeiten, und ich bat sie, laut und kontinuierlich in mein Aufnahmegerät zu sprechen, während sie die Aufgaben rund um die zehn Entscheidungssituationen lösten. Die Idee dabei war, alle von ihnen durch den gleichen[3] Satz ungeordneter Daten wühlen zu lassen und sie dabei die gleichen zehn Entscheidungen treffen zu lassen. Die Transkription ihrer „Laut-Denk-Protokolle“ ermöglichte es mir, die Gemeinsamkeiten dessen, was sie alle im Aufbau einer Vielzahl von verschiedenen Unternehmen gelernt hatten, zu extrahieren. Und da jeder von ihnen bereits jede nur erdenkliche Erfahrung als Entrepreneur – einschließlich Erfolg und Misserfolg – gemacht hatte, konnte ich nicht nur zeigen, was sie gelernt hatten, sondern auch, was das Wichtigste war, das alle von ihnen gelernt hatten. Effectuation ist die Bezeichnung für diese Lehren im Zuge des Entwickelns unternehmerischer Expertise.

Die oben beschriebene Studie war zwar der Schlüssel, sie gab aber nur den ersten Impuls für die Effectuation-Bewegung, die heute auf der ganzen Welt mehr als 200 Forscher und Tausende Lehrende und Beratende umfasst. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Menschen wie Michael Faschingbauer im Zuge dieser Bewegung neue Anwendungen und Methoden der Vermittlung von Effectuation entwickelt. Michael war einer der Ersten, die die frühen Publikationen aus der obigen Studie nutzten, um unter anderem im Jahr 2007 ein Programm zur Begleitung von Arbeitssuchenden in Österreich daraus zu entwickeln. Seitdem hat Michael Material für verschiedenste Zielgruppen – von Studenten über Führungskräfte bis zu Mitarbeitern in Unternehmen verschiedener Größen und Branchen und darüber hinaus auch für andere Lehrende und Beratende – entwickelt. In meinem Büro habe ich immer noch ein Arbeitsbuch von Michael, mit dem er 2007 begonnen hat, Effectuation zu vermitteln. Und gleich daneben steht auch noch ein Exemplar der ersten Ausgabe des Buches, das Sie gerade in Händen halten. Für das bin ich sehr dankbar, weil es Effectuation in den deutschen Sprachraum gebracht hat.[4]

Doch was ist Effectuation nun eigentlich? Auf der einen Seite ist es ein Set von Prinzipien, das auf praktische und sofort anwendbare Weise gelehrt und zum Aufbau eines neuen Unternehmens genutzt werden kann. Auf der anderen Seite ist Effectuation ein profundes und detailliertes Framework zum Verständnis von und zum Umgang mit echter Ungewissheit. Echte Ungewissheit bezieht sich auf eine Zukunft, die nicht nur nicht bekannt, sondern nicht wissbar ist. Was Effectuation so tiefgründig macht, ist die Idee, dass die Zukunft nicht vorhergesagt werden muss. Sie kann mit Elementen, die bereits unter unserem Einfluss stehen, co-kreiert werden. Mit anderen Worten, selbst im Falle einer Zukunft, die grundsätzlich nicht wissbar ist, müssen wir die Kontrolle nicht abgeben oder halsbrecherische Risiken eingehen. Wir können einfach nur mit dem, was bereits unserer Kontrolle unterliegt, beginnen und mit anderen kooperieren, die ihrerseits mit uns arbeiten wollen, um alles mögliche Neue zu kreieren, von dem keiner von uns Beteiligten jemals geträumt hätte. Während das Ergebnis immer noch ungewiss ist, erlaubt uns der der Prozess zwei Dinge:[5]

In Bezug auf Erfolg und Misserfolg, sagt Effectuation: „Kümmere dich nicht um die Wahrscheinlichkeit von Erfolg und Misserfolg. Wenn du Effectuation nutzt, wirst du – wenn du erfolgreich bist – die Wahrscheinlichkeit von Innovationen erhöhen und – wenn du scheiterst – günstig und rasch scheitern.“ Hinzu kommt, dass wir die Möglichkeit des Scheiterns zwar nicht völlig ausschließen können, wir aber die Kosten des Scheiterns steuern können, da wir uns bereits vorab entscheiden können, was wir zu verlieren bereit sind.

In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Effectuation-Bewegung in praktisch jedes Land der Welt vorgedrungen. Die Exponenten der Bewegung lehren das Framework nicht nur, sie entwickeln auch neue Materialien und neue Anwendungen für ganz neue Zielgruppen. So wurden zum Beispiel auch Methoden entwickelt, um gemäß Effectuation im Sinne einer unternehmerischen Pädagogik zu lehren. Effectuation wird in und durch Kunst gelehrt, von Musik und darstellender Kunst bis hin zur Architektur. Es entstand sogar ein Leitfaden zur Friedensstiftung nach Effectuation, um Frieden in Konfliktregionen wie Sri Lanka und Nepal zu verhandeln. Es gibt mittlerweile Effectuation-Spiele an High Schools (wie zum Beispiel in Großbritannien), Peer-Coaching-Franchise-Systeme (wie zum Beispiel iKen1[6] in Indien) und vieles mehr.

In diesem Buch ist es Michael auf hervorragende Weise gelungen, das Effectuation-Framework und den Prozess in ihren Details zu erklären. Er fokussiert dabei vor allem auf den praktischen Teil des unternehmerischen Denkens, Handelns und Interagierens – egal, ob man ein Unternehmen gründen, eine Karrierefrage bearbeiten oder ein Problem in seiner Region, seiner Gemeinde oder seinem Unternehmen lösen möchte. Nach Jahren der Gespräche mit Michael und der Beobachtung dessen, was er mit dem Effectuation-Framework macht und wie er es vermittelt, freue ich mich sehr, das Vorwort für die dritte Auflage dieses Buches schreiben zu dürfen. Und ich freue mich, von ihm zu lernen, und viele weitere Jahre mit ihm daran zu arbeiten, diese weltweite Bewegung zu gestalten, die selbst nach Effectuation-Prinzipien co-kreiert wurde.

Saras D. Sarasvathy

Paul M. Hammaker Professor of Business Administration,
University of Virginia, The Darden School

1Siehe www.ikenstartup.com

Geleitwort zur 1. Auflage

von Dietmar Grichnik

Praktikern in wirtschaftlichen Handlungsfeldern bietet das vorliegende Buch einmalige Empfehlungen und Hinweise, wie sie in neuartigen Entscheidungssituationen trotz höchster Unsicherheit handeln können. Das Überraschende dabei ist die Abkehr von bekannten Pfaden der Managementliteratur, die dem unternehmerisch handelnden Menschen in der Wirtschaft oder auf anderen innovativen Gebieten bis dato wenig konkrete Hilfestellung im Umgang mit hoher Komplexität und Unsicherheit gab. Ausgefeilte Marktstrategien, die mit dem besten – effizienten und effektiven – Mitteleinsatz eine optimale Zielerreichung anstreben, greifen zu kurz und bleiben theoretischer Natur dort, wo es Märkte, Marktpreise und Marktreaktionen noch gar nicht gibt. Dem Innovator und Veränderer fehlt es an klassischen betriebswirtschaftlichen Zielkategorien, wenn er etwas vollständig Neues, wie ein innovatives Start-up-Unternehmen, eine neue Branche, einen neuen Markt oder auch nur ein einzelnes Vorhaben in seiner bereits bestehenden Organisation unter Ungewissheit über dessen Ausgang realisieren möchte. Die in diesem Buch vorgestellten Handlungsprinzipien basieren auf dem Effectuation-Ansatz von Saras Sarasvathy, die die Forschungsdisziplin Entrepreneurship in der letzten Dekade maßgeblich geprägt hat.[7]

Die Forschung untersucht dabei relevante Fragestellungen für die Entrepreneurship-Praxis: Wie denken, entscheiden und handeln erfolgreiche Gründer? Gibt es Elemente, die Entrepreneure über Zeit, Branchen und Regionen hinweg gemeinsam haben? Gibt es einen gemeinsamen lehr- und lernbaren Kern zum Unternehmertum? Lassen sich diese auch auf andere Entscheidungssituationen unter Unsicherheit übertragen? Antworten auf diese Fragen liefert der Effectuation-Ansatz. Effectuation beschreibt eine von erfahrenen Entrepreneuren bevorzugte Vorgehensweise der Problemlösung und Entscheidungsfindung. Der Effectuation-Ansatz stellt hierbei nicht bloß eine Abweichung von der kausalen, zielorientierten Vorgehensweise dar, sondern ist vielmehr eine Art des Denkens, die auf einer von kausalem Denken unabhängigen Logik aufbaut. Somit stellt Effectuation einen neuen wissenschaftlichen Zugang zu unternehmerischem Denken und Handeln bei innovativen Geschäftsideen und -modellen dar. Während die kausale Logik auf der Annahme basiert, dass die Zukunft vorhersagbar ist, wird im Sinne des Effectuation-Ansatzes Zukunft als nicht vorhersehbar, sondern als durch menschliches Handeln gestaltbar angesehen. Unternehmerische Gelegenheiten werden geschaffen, nicht gesucht und gefunden. Hierin begründet sich letztlich auch die Namensfindung dieses Ansatzes, da „to effectuate“ am treffendsten mit „bewirken“ übersetzt werden kann. Das Gestalten des Entrepreneurs steht folglich im Vordergrund.[8]

Mit diesem Fachbuch etwas für Praktiker zu bewirken, ist das erklärte (kausale) Ziel des Autors und der Gastautoren. Indem sie sich an die in der Praxis Handelnden und deren Multiplikatoren – Führungskräfte, Coaches und Trainer – wenden, um den Effectuation-Ansatz in die Praxis zu übersetzen, werden sie selbst zu Effectuators. Das Buch von Michael Faschingbauer ist in vielfältiger Hinsicht originell, der Aufbau der Inhalte ist zielstrebig, die Fallstudienanalysen liefern zahlreiche überraschende Erkenntnisse. Höchsten Ansprüchen genügt auch die moderne Buchkonzeption und -gestaltung mit Arbeitsfragen zur Selbstreflexion, vielen anschaulichen Fallbeispielen und einer Toolbox für Praktiker, die eine direkte Anwendung des Erlernten ermöglichen. Das Buch ist daher sowohl für den praktisch Gestaltenden als auch für dessen Berater und Trainer eine höchst empfehlenswerte Lektüre.[9]

Ich wünsche Michael Faschingbauer, den ich 2006 mit dem Effectuation-Ansatz erstmalig konfrontieren durfte, und seinen Gastautoren eine zahlreiche Leserschaft und die ihnen gebührende Aufmerksamkeit, die sie mit diesem Buch verdient haben.

Prof. Dr. Dietmar Grichnik

Ordinarius für Entrepreneurship und Direktor des Instituts

für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Vorwort

Sie müssen in ungewissen Situationen gute Entscheidungen treffen und die Zukunft gestalten? Da sind Sie nicht allein. Für immer mehr Menschen ist das immer öfter der Fall – zum Beispiel dann, wenn sie in einem Unternehmen mit Führungsaufgaben betraut sind, Innovationen hervorbringen, neue Märkte erschließen, Personal- und Organisationsentwicklung betreiben oder in der Rolle des Unternehmers das Unternehmen für die Zukunft neu ausrichten. Aber auch Menschen in der Politik, der Regionalentwicklung und im Non-Profit-Sektor handeln zunehmend unter Ungewissheit – unter komplexen dynamischen, jedoch gestaltbaren Rahmenbedingungen. Vielleicht treffen Sie auch in Ihrem Privatleben und in Ihrer persönlichen Karriereentwicklung öfter auf Situationen, die schlecht bis gar nicht einzuschätzen sind? Möglicherweise sind Sie Beraterin2[10] oder Trainer und stellen fest, dass Ihre Kunden in ihren Vorhaben andere Dinge brauchen würden als ein klares Ziel und einen guten Plan? Doch was brauchen sie stattdessen?

Dieses Buch handelt davon, was wir von erfolgreichen Unternehmern für unsere Vorhaben im Nicht-Planbaren lernen können. Unternehmerinnen haben sich seit jeher dem Ungewissen ausgesetzt und es ist ihnen immer wieder gelungen, in komplexen und dynamischen Umfeldern Neues und Wertvolles zu kreieren. Gelingt es jemandem über längere Zeit wiederholt, Ungewisses in Profitables zu verwandeln, dann haben diese Personen durch Erfahrung gelernt. Sie sind zu Expertinnen geworden. Unternehmer gibt es in unterschiedlichsten Feldern, doch ihnen allen ist gemein, dass sie immer wieder unter Ungewissheit denken, entscheiden und handeln (müssen). Wie wäre es also, wenn man die Expertise erfahrener Unternehmerinnen im Umgang mit Ungewissem beschreibbar und dadurch auch bewusst erlernbar machen könnte?

Die Herkunft von Effectuation

Was lernen Unternehmer über viele Jahre der Praxis unternehmerischen Handelns unter Ungewissheit? Mit dieser Fragestellung machte sich die Entrepreneurship-Forscherin und Kognitionswissenschaftlerin Saras Sarasvathy vor 20 Jahren auf eine höchst fruchtbare Forschungsreise. Mit der Unterstützung von Forschungs-Koryphäen wie dem Wirtschafts-Nobelpreisträger Herbert Simon gelang es ihr in aufwendiger Feldforschung, Schlüsselelemente der Expertise erfahrener Unternehmer zu extrahieren. Sarasvathy formulierte deren Denk-, Entscheidungs- und Handlungsgewohnheiten in einem Prozess und fünf Prinzipien unter dem Namen Effectuation[11]. Effectuation ist eine Art, unternehmerisch zu denken und zu handeln – eine eigenständige Logik, die ohne Prognosen auskommt. Damit lässt sich schlüssig erklären, wie die Experten unter Ungewissheit entschlossen und gleichzeitig mit überschaubarem Risiko Neues in die Welt bringen. Was die Sache besonders interessant macht: Effectuation beschreibt nicht nur, wie Experten unter Ungewissheit vorgehen, sondern macht deren Denkgewohnheiten für jene nutzbar, die keine jahrzehntelange Felderfahrung unter Ungewissheit haben. Eine ständig wachsende Gruppe von Forscherinnen hat mittlerweile die Basis für Effectuation im Unternehmertum gut abgesichert und wertvolle Erkenntnisse über Effectuation in Domänen außerhalb des Unternehmertums gewonnen. Diese finden sich heute unter anderem in weit über 200 wissenschaftlichen Fachpublikationen in internationalen Top-Journals unterschiedlicher Fachbereiche und einer Reihe von wissenschaftlichen Buchbeiträgen wieder. Sie haben den Lauf der Entrepreneurship-Forschung der letzten Dekade geprägt. Dieses Buch schlägt die Brücke von der Wissenschaft in die Praxis. Es macht die aktuellen Erkenntnisse der Effectuation-Forschung für all jene nutzbar, die in den eingangs beschriebenen Feldern unter Ungewissheit agieren. Sie halten die 3. Auflage des Buches in Händen, die auf Basis der steilen Lernkurve der letzten Jahre vollständig aktualisiert wurde.[12]

Lernreise der letzten sieben Jahre

Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches vor sieben Jahren ist viel Unerwartetes passiert. Ich hatte nicht mit der Auszeichnung „Managementbuch des Jahres“3 gerechnet oder mit der Nominierung auf die Shortlist der fünf wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsbücher4. Ich war auch überrascht darüber, welch heterogene Interessensgruppe das Thema ansprach, vom (naheliegenden) Unternehmer bzw. der Unternehmensgründerin über Führungskräfte in Unternehmen aller Größenordnungen und Branchen (darunter Familienunternehmen, Banken, Industriekonzerne, Technologiefirmen, Luftfahrtunternehmern, Medienunternehmen, Kreativunternehmen, Gesundheitseinrichtungen etc.), Berater aller Geschmacksrichtungen, Lehrgangsleiterinnen unterschiedlichster Studienzweige, Protagonisten der Kreativwirtschaft, Politiker bis hin zu Kirchenorganisationen.

Leser haben sich im Konzept wiedererkannt („So ähnlich mache ich das ja immer schon“), haben ihre Erleichterung zum Ausdruck gebracht („Jetzt habe ich eine wissenschaftliche Erklärung dafür“), auch ihre Zweifel geäußert („Stimmt ja, aber bei uns geht das wohl nie“) oder einfach neue Anwendungen erschlossen („Wir probieren das jetzt in unserem Verein / in der Werbung / in der Strategiearbeit / in der Personalauswahl / in der Regionalentwicklung / in unserer Pfarre / bei der Partnersuche / in der medizinischen Forschung …“). Vielen hat das Buch Mut gemacht („Jetzt traue ich mich loszulegen – auch ohne brillante Idee“). Manche habe ihren Ärger zum Ausdruck gebracht („Mein Chef macht das – und das macht mich manchmal wahnsinnig“), andere hatten ob der oben genannten Auszeichnungen auch überzogene Erwartungen („Was ist da nun wirklich neu dran?“), doch kaum jemand scheint das Thema kalt gelassen zu haben.[13]

Als Berater und Autor dieses Buches werde ich heute vielerorts dazu eingeladen, die Verbreitung und den Praxistransfer der dargestellten Konzepte zu unterstützen. Effectuation ist heute Teil der Curricula universitärer Lehrgänge so unterschiedlicher Studienrichtungen wie Entrepreneurship, Innovation, General Management, Projektmanagement, Sales Management, Marketing, Wissensmanagement, Kulturmanagement und Change Management oder als fächerübergreifendes Wahlfach. Das Konzept ist in systemische Beraterausausbildungen integriert und wird von Beraterinnen als Fortbildung gebucht. Effectuation ist attraktives Thema für Key-Notes in Unternehmen, bei Branchenverbänden, Kongressen, Preisverleihungen und Kaminabenden. Unternehmerische Expertise ist der Fokus von firmeninternen und offenen Workshops und Leitidee für Unternehmens- und Organisationsentwicklungsprojekten. Aus der Ausbildung zum Effectuation Expert5 über 15 Tage, die ich mit meinem langjährigen Kollegen René Mauer seit einigen Jahren anbiete, sind erste Experten hervorgegangen, die das Konzept in ihren Handlungsfeldern nutzen und verbreiten. All diese Aktivitäten gaben mir die Gelegenheit, das hier Dargestellte Vergleichen und Diskussionen auszusetzen, auf Anschlussfähigkeit und Praxistauglichkeit zu überprüfen und in seiner Wirkung zu beobachten. Sie waren aber auch ausschlaggebend dafür, dass sich das Konzept in seinen Praxisaspekten und seiner Anwendung weiterentwickeln konnte. Die Lernerfahrungen aus alledem flossen in die Bearbeitung der 3. Auflage dieses Buches ein.[14]

Das neue Alleinstellungsmerkmal

Schon vor sieben Jahren haben sich viele Vordenker, Führungskräfte und Beraterinnen intensiv mit ihr befasst. Heute ist sie als allgegenwärtig und anhaltend akzeptiert: die Ungewissheit. Praktisch jedes aktuelle Buch, in dem es um Wege der Zukunftsgestaltung geht, beruft sich heute auf ihre Zunahme. Die Auseinandersetzung mit dem Unvorhersehbaren wurde vom Orchideenfach zum Mainstream. Seit einigen Jahren haben wir sogar einen neuen Begriff dafür: Die Welt ist VUKA geworden. VUKA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Die Einzigen, für die das alles andere als neu ist, sind erfahrene Unternehmer. Sie haben sich seit jeher auf Gebiete konzentriert und dort Neues gestaltet, die wir heute VUKA nennen. Effectuation ist von seiner Herkunft her zwar alt und bewährt, in der VUKA-Welt jedoch aktueller denn je und weit über das Unternehmertum hinaus wertvoll. Nicht zufällig erleben wir heute auch einen globalen Trend zum Entrepreneurship und Intrapreneurship. Entrepreneure und Intrapreneure sind diejenigen, die auf den Wellen der Ungewissheit surfen, anstatt in ihnen unterzugehen.[15]

Auch auf Seiten der Handlungsanweisungen zum Gestalten unter Ungewissheit haben die letzten Jahre einiges hervorgebracht. Zwar gibt es heute immer noch wenige durchgängige Konzepte. Es zeichnen sich jedoch Trends ab, wie diese beschaffen sein müssen. Die interdisziplinäre Diskussion führt weg von Strategien, die der Komplexität der Handlungssituationen durch der Berücksichtigung von immer mehr Einzelheiten zu begegnen versuchen. Stattdessen häufen sich die Stimmen, die für den Einsatz von einfachen, aber intelligenten Faustregeln (sogenannten Heuristiken) eintreten (vgl. Gigerenzer, 2013, Kahneman, 2011, Taleb, 2008 und 2013, Malik, 2015). Der Managementvordenkers Fredmund Malik bezeichnet diese als Navigationsprinzipien für Neuland und der Risikoforscher Gerd Gigerenzer formuliert: Nach der probabilistischen Revolution brauchen wir eine zweite Revolution, welche Heuristiken ernst nimmt und die Menschheit endlich mit den Fähigkeiten ausstattet, die sie braucht, um mit der ganzen Palette von Ungewissheiten umzugehen. Nun, Effectuation leistet genau an dieser Stelle einen Beitrag: Effectuation ist eine in sich stimmige Logik von intelligenten Heuristiken, die sich – so bestätigt das die Entrepreneurship-Forschung der letzten 20 Jahre – ausgezeichnet zur Zukunftsgestaltung unter Ungewissheit eignet. Effectuation ist somit theoretisch plausibel, ist empirisch belegt und gibt einfache und klare Handlungsanweisungen für eine Welt, die zunehmend VUKA wird.[16]

Wo wir heute stehen

Wir stehen ganz am Anfang hätte ich vor sieben Jahren gesagt. Heute kann ich feststellen: Wir sind unterwegs – gut unterwegs. Doch Effectuation ist noch lange nicht im Mainstream angekommen. Viele Anfangszweifel (Wie wird das Konzept außerhalb der Entrepreneurship-Forschung angenommen? Wird es kritischer Überprüfung durch Experten oder – wichtiger – in der praktischen Anwendung standhalten?) sind ausgeräumt. Bei der Mehrzahl derer, die sich mit der Materie auseinandersetzen, löst diese Neugier, Assoziationen, Inspiration und Ideen für die praktische Anwendung aus. Die Kritik am Konzept fällt in den meisten Fällen konstruktiv und respektvoll aus. Effectuation ist in einen fruchtbaren Dialog mit Konzepten aus anderen Theoriesträngen eingetreten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse machen Lust auf mehr. Und deutlicher als noch vor einigen Jahren sind die Anzeichen dafür, dass Effectuation nicht nur eine höchst praktische Theorie über unternehmerisches Denken ist, sondern das Potenzial einer Methode in sich trägt: Eine Methode, mit der Menschen unter ungewissen Rahmenbedingungen die Welt gestalten können.

Gebrauchsanweisung für dieses Buch

Um aus der Lektüre dieses Buches optimalen Nutzen zu ziehen, empfehle ich, die ersten drei Kapitel über die Grundlagen von Effectuation vollständig und chronologisch zu lesen. In Kapitel 1[17] befassen wir uns mit drei Phänomenen, die im weiteren Verlauf des Buches eine wesentliche Rolle spielen werden: Risiko, Unsicherheit und Ungewissheit. Wir klären, warum es vor allem unter Ungewissheit wenig sinnvoll ist, Entscheidungen auf Basis von Prognosen und fixen Zielen zu treffen. Kapitel 2 stellt zwei grundsätzlich unterschiedliche Arten vor, mit der Zukunft umzugehen: linear-kausales Denken und Effectuation. Ausgehend von einer prozessorientierten Sicht auf beide Denkweisen werden die Situationsbedingungen geklärt, unter denen diese jeweils optimal wirksam werden. In Kapitel 3 befassen wir uns ausführlich mit den handlungsleitenden Prinzipien, die Effectuation ausmachen. Immer noch in Abgrenzung zu kausaler Logik erschließen wir die Wirkung und den Einsatz der Prinzipien in der Praxis. Es ist das Herzstück dieses Buches und für das Verständnis von Effectuation unerlässlich.

Kapitel 4 wurde für diese dritte Auflage deutlich erweitert und wird Sie darin unterstützen, die bis dahin erarbeiteten Grundlagen sinnvoll miteinander zu verbinden und in ungewissen Situationen ins Handeln zu kommen. Sie erfahren, wo und wie Sie loslegen können. Wir befassen uns ausführlich damit, wie Sie andere für Ihre Vorhaben gewinnen. Wir betrachten, was sich ändert, wenn Teams in- und außerhalb von Organisationen effektuieren. Wir befassen uns über Effectuation hinaus mit der Wahl von Handlungsstrategien und führen schlussendlich die Denkhaltungen wieder zusammen, die wir zuvor zum besseren Verständnis klar getrennt haben.[18]

In Kapitel 5 – dem umfangreichsten Kapitel dieses Buches – nehmen wir Kontexterweiterungen vor und verknüpfen Effectuation mit einer Reihe konkreter Handlungsfelder. Ich freue mich sehr darüber, dass ich für zentrale Felder namhafte Experten als Gastautoren gewinnen konnte: Zu Wort kommen René Mauer (Unternehmensgründung), Ruth Seliger (Führung), die führenden Effectuation-Forscher Stuart Read, Nicholas Dew, Saras Sarasvathy und Robert Wiltbank (Unternehmerische Organisation), Helfried Faschingbauer (Karriereentwicklung) und Gunther Schmidt (Coaching- und Beratungspraxis). Die dritte Auflage ergänzen zwei neue ausführliche Fallstudien: Bettina Brendle und Eric Heinen-Konschak berichten über ihre Effectuation-Erfahrungen im IT-Projektmanagement der GIZ und Procter & Gamble stellt seinen Effectuation-Lernweg zum Thema unternehmerische Kultur zur Verfügung.

In Kapitel 6 finden Sie in der seit Erscheinen der ersten Auflage stetig wachsenden Toolbox eine Auswahl erprobter Tools samt Beschreibung und Hinweisen für die praktische Anwendung von Effectuation in eigenen Vorhaben. Der Großteil der Tools eignet sich sowohl für die Einzel- bzw. Selbstanwendung als auch für die Anwendung in selbstorganisierten oder moderierten Gruppen.

SP myBook

Während das Buch die Tools im Überblick beschreibt, können Sie die detaillierten Beschreibungen aus dem Online-Angebot von SP myBook[19] herunterladen.

Den Abschluss des Buches bildet das Kapitel 7 zu den Erkenntnissen der Effectuation-Forschung. Dort erfahren Sie Genaueres darüber, in welchem Kontext Effectuation „entdeckt“ wurde, was durch Feldforschung bereits abgesichert wurde und welche Aktivitäten die aktuelle Effectuation-Forschung prägen. In diesem Kapitel werden die Begründerin des Effectuation-Ansatzes Saras Sarasvathy und ihre engsten Forschungspartner ausführlich gewürdigt. Für die gründliche Überarbeitung dieses Kapitels seit der ersten Auflage zeichnet der Effectuation-Forscher René Mauer verantwortlich.

Wenn Sie Effectuation mit Hilfe dieses Buches zunächst einmal kennen und verstehen lernen möchten, dann werden Sie vor allem in den Kerntexten der ersten vier Kapitel sowie den besonders hervorgehobenen „Fallbeispielen“, die jeweils einzelne Elemente von Effectuation illustrieren, fündig werden. Wenn Sie Effectuation auch erproben und anwenden wollen, bieten die als „Arbeitsfragen“ markierten Kästen in den Kapiteln 1 bis 4 die Möglichkeit für Selbstreflexion und den Transfer auf Ihre eigenen Vorhaben. Dazu ist es hilfreich, die Fragen jeweils schriftlich auszuarbeiten. Sobald Sie sich dazu entschieden haben, Effectuation auf ein ganz bestimmtes Vorhaben oder Handlungsfeld anzuwenden, lohnt es sich, einzelne Tools aus der Toolbox systematisch anzuwenden. Im Verlauf des Buches werden Sie dazu jeweils Verweise zum passenden Tool für den gerade behandelten Kontext finden.[20]

Wenn Sie beim Lesen dieses Buchs den Eindruck bekommen, die Welt werde polarisiert in Schwarz und Weiß dargestellt, so ist dies zunächst beabsichtigt. Ich tue das aus didaktischen Gründen und argumentiere im Folgenden über weite Strecken parteiisch für Effectuation. Es liegt mir jedoch fern, Effectuation gegen Ihr bewährtes Wissen und gängige Praktiken auszuspielen. Stattdessen möchte ich Ihnen Effectuation als nützliche Ergänzung anbieten. Dazu grenze ich Effectuation zuerst scharf von linear-kausalem Denken, Entscheiden und Handeln ab und nutze über weite Strecken das Mittel der Überzeichnung. Ich bitte schon vorab um Nachsicht für die dabei getroffenen Vereinfachungen und verspreche, diese im hinteren Teil des Buches wieder aufzulösen.

Graz, im März 2017

Michael Faschingbauer

PS: Falls Sie Ihre Erkundung von Effectuation mit einer persönlichen Erfahrung beginnen möchten, lade ich Sie ein, die Fragen unter www.pave-test.com zu beantworten. Sie erhalten umgehend eine persönliche Auswertung, die Sie im Zuge der Lektüre dieses Buches mit Ihrer Selbsteinschätzung abgleichen können.

2Frauen und Männer bringen unter Ungewissheit Neues und Wertvolles in die Welt. In diesem Buch werden – sofern beide Geschlechter gemeint sind – die männliche und weibliche Form abwechselnd und zufällig gebraucht. Wir hoffen, dass sich dadurch Leserinnen und Leser gleichermaßen angesprochen fühlen.

3Ausgezeichnet durch das Redaktionsteam von managementbuch.de

4Nominierung durch getabstract.de[21]

5Siehe www.effectuation.at/curriculum-effectuation-expert

Schlüsselbegriffe

Effectuation

Die volle Bedeutung des Begriffs Effectuation – ein von der Entrepreneurship-Forscherin Saras Sarasvathy eingeführtes Kunstwort für eine eigenständige Art zu denken und zu handeln (Sarasvathy, 2001a) – wird sich im Laufe des Buches noch ausführlich und in vielen Facetten erschließen. Der Begriff wird im Folgenden in unterschiedlichen Formen verwendet: Effectuators sind Frauen und Männer, die Effectuation anwenden, also bevorzugt nach der Logik von Effectuation denken, entscheiden und handeln. Effectuators effektuieren.

Stakeholder

Der Begriff setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern „stake“ für „Beteiligung“ und „holder“ für „Eigentümer“ oder „Halter“. Wenn im Folgenden von Stakeholdern die Rede ist, dann sind damit all jene Personen und Gruppen gemeint, die an einem Vorhaben direkt oder indirekt beteiligt oder davon betroffen sind. Im deutschsprachigen Raum wird „Stakeholder“ immer häufiger mit dem Begriff „Anspruchsgruppen“ für „alle internen und externen Personengruppen, die von den unternehmerischen Tätigkeiten gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind“6 übersetzt.

Entrepreneurship

lässt sich am besten mit „Unternehmertum“ übersetzen. Entrepreneurship7 meint jedoch weniger die Administration oder den Besitz eines Unternehmens, sondern die schöpferischen und gestalterischen Elemente. Entrepreneure sind also diejenigen, die neue Produkte, Dienstleistungen und Unternehmen in die Welt bringen. Diese Aspekte stehen auch im Vordergrund, wenn im Folgenden von Unternehmern die Rede ist.[22]

Unternehmerisch denken

bezieht sich in diesem Buch auf den schöpferischen und gestalterischen Akt, Neues und Wertvolles in die Welt zu bringen. Unternehmerisch denken und handeln geht weit über wirtschaftliche Aspekte hinaus und umfasst Denken und Handeln in unterschiedlichsten Vorhaben, die dazu beitragen, die Zukunft aktiv und selbstverantwortlich zu gestalten.

6Gabler Wirtschaftslexikon Online; wirtschaftslexikon.gabler.de

7Definitionen lt. Entrepreneurship-Forschung: siehe Kapitel 7.1, S. 298 ff.