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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

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April 2017

Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Ein Tochterunternehmen der Haufe Gruppe

Der Autor / Der Übersetzer

Der Autor

Prof. Dr. Paul H. Dembinski ist Inhaber des Lehrstuhls für Strategie und Internationalen Wettbewerb an der Universität Freiburg (Schweiz).

Seinen Doktortitel in Volkswirtschaft erwarb er 1982 an der Universität Genf, wo er seine Lehrtätigkeit begann, bevor er 1991 Assoziierter Professor an der Universität Freiburg (Schweiz) wurde.[2]

1996 initiierte er die Gründung der Stiftung „Observatoire de la Finance“ (Genf – www.obsfin.ch zur Förderung des Gemeinwohls im Bereich der Finanzwirtschaft. Er leitet diese Institution bis heute. Er ist Präsident des internationalen Preises „Ethics & Trust in Finance“ (vormals „Robin Cosgrove–Preis“), der 2016 zum sechsten Mal verliehen wird, und ebenfalls verantwortlich für die zweisprachige Zeitschrift Finance & Bien Commun.

Paul H. Dembinski ist Mitglied des Verwaltungsrates der Organisation „Rentes genevoises“, dem er seit 2012 als Präsident vorsteht.

Der Übersetzer

Michael Derrer, Mag.rer.publ., ist Dozent für Volkswirtschaft und Wirtschaftssoziologie an der Hochschule Luzern. Als Übersetzer und Dolmetscher für acht west- und osteuropäische Fremdsprachen hat er sich auf die Bereiche Ökonomie und Recht spezialisiert.

1   Einleitung – Weshalb ist Ethik in der Finanzwirtschaft erforderlich?

Im Herbst 1998 stabilisierten die großen Akteure der Weltfinanz unter dem Druck der US-amerikanischen Behörden einen Investitionsfonds, der Schiffbruch erlitten hatte. Dabei handelte es sich um Long-Term Capital Management, einen Fonds mit systemischer Bedeutung, der von der Crème der finanzwirtschaftlichen Koryphäen, einschließlich zwei Nobelpreisträgern, gelenkt wurde. Dieses Datum – zehn Jahre vor Beginn der Krise von 2007 – markiert symbolisch den Zeitpunkt, an dem die globale Finanzwirtschaft in eine Zeit der Erschütterungen und Turbulenzen eintrat, die ihre Grundlagen angegriffen haben. Auf punktuelle Ereignisse wie den Bankrott von Enron (2001) oder den Parmalat-Schwindel (2003), von denen man glaubte, sie wären bloß Unfälle, folgten Erschütterungen, die das Herz des finanzwirtschaftlichen Universums erreichten. Seither wird die Finanzwelt, und mit ihr die Weltwirtschaft, kontinuierlich von Ereignissen mit systemischer Bedeutung bedroht.[3]

Es wäre ermüdend, die Chronologie „der Krise“ in Erinnerung zu rufen, denn sie bleibt im Gedächtnis lebendig: die sogenannte „Subprime“-Krise, der Bankrott und die Rettung bedrohter Schlüsselakteure, die Staatsschuldenkrise, die wiederholten Krisen der Eurozone, die unkonventionellen Maßnahmen der Zentralbanken und, zeitlich näher bei uns, der historische Tiefstand der Zinssätze, dessen Ende niemand abzusehen wagt, und der als Zeitbombe in den Bilanzen der Finanzakteure schlummert.

Im Jahr 2017 erscheint eine Rückkehr zum Zustand vor 2007 immer weniger realistisch und wird auch immer seltener als Referenzpunkt genannt. Die Welt von morgen muss ständig neu erfunden werden, auch wenn die künftigen Gleichgewichte noch kaum erkennbar sind. Obwohl darüber keine Einigkeit herrscht, ist es für gewisse Beobachter offensichtlich, dass eine systemische Transformation im Gange ist, insbesondere hinsichtlich der Rolle und Stellung der finanzwirtschaftlichen Aktivitäten und ihrer gesellschaftlichen Legitimität. Der Druck auf die Finanzwirtschaft ist mannigfaltig, und die einzelnen Faktoren verstärken sich gegenseitig: wirtschaftlich (strukturell und konjunkturell), reglementarisch, politisch und medial. Sie stammen aus dem heute in der Gesellschaft weit verbreiteten Gefühl, dass die finanzwirtschaftlichen Aktivitäten die moralischen und ethischen Grenzen, die sie bändigen sollten, während Jahrzehnten ungehindert überschritten haben.[4]

Seit 2007 werden Verhaltensweisen der Finanzakteure und interne Abläufe, die gestern noch als Modelle und Beispiele gepriesen wurden, in der Öffentlichkeit zunehmend in grellem Licht dargestellt. Damit ist eine öffentliche Aufregung entstanden (gemäß dem französischen Wörterbuch „Petit Robert“ ein Bestandteil jedes Skandals), die jene Verhaltensweisen an den Pranger stellt und das allgemeine Gefühl ausdrückt, getäuscht worden zu sein. Der bittere Geschmack von missbrauchtem Vertrauen und einer zerbrochenen Allianz zwischen Finanzbereich, Wirtschaft und Gesellschaft bleibt in allen Gesellschaftsschichten und in allen Breitengraden bestehen. Dieser Kontext zwingt die Finanzwirtschaft dazu, ihren Platz in Wirtschaft und Gesellschaft sowie ihre Geschäftsmodelle zu überdenken.

Die seit 2007 elektrisch aufgeladene Stimmung führt oftmals zu kategorischen und zugespitzten Urteilen, die sich auf Ethik und Moral berufen. Aber auch auf einer grundlegenderen Ebene werden lange vernachlässigte ethische Fragestellungen über die Finanzwirtschaft wieder bedeutsam und legitim. Diese Fragen stammen aus dem Innern der Branche, aus den Medien und von den Intellektuellen, aus den akademischen und beruflichen Ausbildungsstätten, den politischen und reglementarischen Instanzen sowie aus der Zivilgesellschaft. Sie betreffen sowohl den tieferen Sinn der finanzwirtschaftlichen Aktivitäten wie auch die Mittel und Modalitäten ihrer Ausführung.[5]

Offenbar steht die Frage nach der Ethik, in all ihren Spielarten, genau im Schnittpunkt der Spannungen, welchen die Finanzwirtschaft heute ausgesetzt ist1.

Seit Ende des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit, der von den Krisen der 1970er-Jahre beendet wurde, hat die Finanzwirtschaft ihre Bedeutung in der Weltwirtschaft ständig vergrößert – getragen von der Euphorie der Versprechungen über neue Wachstumshorizonte, die durch ihre Techniken und Modelle eröffnet wurden.

Genau aus diesem Grund müsste man die dreißig Jahre seit Mitte der 1970er-Jahre bis ins Jahr 2007 die „Dreißig euphorischen Jahre“ nennen. In diesem Zeitraum vertrauten die breite Öffentlichkeit, die Unternehmen und auch die Regierungen (sämtlicher politischer Parteien) den Techniken, Berufen und Institutionen der Finanzwirtschaft blind. Die Krise ließ diese 30 Jahre dauernde kollektive Blindheit verschwinden. Unter dem Eindruck dieses Schocks nahm die Welt nicht nur die vorhergehenden Entwicklungen wahr, sondern vor allem auch die Tatsache, dass diese nicht in einem luftleeren Raum entstanden waren, das heißt außerhalb externer Referenzpunkte, seien diese nun politisch oder ethisch. So waren die kritische Haltung und die Suche nach einem Sinn während der „Dreißig euphorischen Jahre“ nebensächlich geworden, mit der Folge, dass Fragen der Ethik an den Rand gedrückt wurden. Das Erwachen war umso brutaler, als im Jahr 2007 die Märkte blockiert waren und ständig neue Skandale zum Vorschein kamen. Es entwickelte sich ein Gefühl des Verrats und Bündnisbruchs, das heute noch sehr präsent ist.[6]

Es geht hier nicht darum, die Diagnose der Finanzkrise – die an anderer Stelle eingehend diskutiert wurde2 – neu zu stellen, sondern einen Beitrag für die Rückkehr einer Reflexion über die Ethik zu leisten, die den finanzwirtschaftlichen Aktivitäten der Zeit nach 2007 angepasst ist. Nachdem sie gleichzeitig von einer Struktur- und einer Legitimitätskrise erschüttert wurde, kommt die moderne Finanzwirtschaft nicht um eine Rückkehr zu den Sinnfragen herum, wie sie im vorliegenden Buch summarisch dargestellt wird.

Auch wenn die Frage nach der Ethik ein Teil jeder menschlichen Handlung ist, muss sie den Bedingungen spezifischer Handlungen im Einzelnen Rechnung tragen. So ist es auch im Fall der Ethik in der Finanzwirtschaft. Die Fragestellung muss also deren jüngste Entwicklungen berücksichtigen und die besonderen Herausforderungen, die damit verbunden sind.

Zusammengefasst gibt es zwei Arten von Gründen, warum die Ethik in der Finanzwirtschaft heute Nachholbedarf hat. Einerseits handelt es sich dabei um konjunkturelle Gründe, die von den spezifischen Bedingungen der modernen Finanzaktivitäten abhängen und die durch die Krise offengelegt wurden. Andererseits gibt es aber auch strukturelle Gründe, die mit der zeitlosen Natur der Finanztätigkeit zu tun haben, und mit ethischen Fragen einhergehen, welche diese Tätigkeit zu jeder Zeit aufgeworfen hat, die in den vergangenen Jahrzehnten jedoch in Vergessenheit geraten waren.[7]

1.1   Die strukturellen Gründe

Im Laufe der Jahrhunderte befand sich die Finanztätigkeit systematisch im Zentrum der Aufmerksamkeit von Moralisten. Diese haben mindestens fünf gute Gründe genannt, welche daran erinnern sollten, dass finanzwirtschaftliche Aktivitäten, wie alle menschlichen Handlungen, zum moralischen Gesetz gehören:

1.2   Die konjunkturellen Gründe

Wenn es denn so ist, dass die finanzwirtschaftliche Aktivität, wie wir eben gesehen haben, unter allen Umständen einen ethischen Rahmen benötigt, stellt sich die Frage, warum deren Abwesenheit heute so akut spürbar ist? Es existiert enorm viel technische Literatur, die sich mit den Gründen für die Finanzkrise auseinandersetzt. Die Frage, weshalb die Ethik in Vergessenheit geraten konnte, wird dabei ausgelassen. Zusätzlich zu den oben genannten strukturellen Gründen können fünf konjunkturelle Gründe[10] angegeben werden:

Zusammenfassend wurden Ethik und Vorsicht während der „Dreißig euphorischen Jahre“ schmerzlich vermisst, da die Bedingungen, welche die Geburt der modernen Finanzwirtschaft begleitet haben, die traditionell bestehende Sensibilität der privaten, öffentlichen und akademischen Akteure für ethische Fragen eingeschläfert hat. Daher besteht die Notwendigkeit einer gegenseitigen Erneuerung.

Die vorliegende Synthese möchte zu dieser doppelten Erneuerung beitragen, die erforderlich ist, damit die aktuellen Blockaden überwunden und die Rückkehr einer ethischen Reflexion in Verbindung mit der Finanztätigkeit möglich wird. In der Tat besteht für viele Akteure und Beobachter eine unüberwindbare Kluft zwischen Ethik und Verantwortung einerseits und finanzwirtschaftlichen Praktiken andererseits. Man könnte sogar von einem Widerspruch der Begriffe reden oder von einem „Oxymoron“ zwischen Ethik und Finanzwirtschaft.

Das Buch besteht neben dieser Einführung aus fünf Kapiteln. Das erste Kapitel erläutert die grundlegenden Begriffe „Finanzwirtschaft“, „Ethik“ sowie „Verantwortung“, präzisiert diese Termini und zeigt ihre Überschneidungen. Es stellt die Bestandteile der Finanzwirtschaft während der „Dreißig euphorischen Jahre“ in großen Zügen dar und ruft die historische Dimension der wichtigsten Debatten zur Ethik in diesem Bereich in Erinnerung.

Die folgenden drei Kapitel behandeln nacheinander die ethischen Dilemmas der drei hauptsächlichen Kategorien von Akteuren im Finanzbereich:

In jedem Kapitel, das den Dilemmas gewidmet ist, werden ethische Fragen auf drei Ebenen aufgeworfen:

1Siehe Group of 30, Banking Conduct and Culture, A Call for Sustained and Comprehensive Reform, Washington, July 2015, http://group30.org/images/uploads/publications/G30_BankingConductandCulture.pdf

2Cf. Paul H. Dembinski, Finance: Servant or Deceiver? Financialization at the Crossroads, Palgrave Macmillan, 2009.

3Ein Darlehen sollte aus der Sicht der Scholastik frei von dieser „Spekulation“ auf die Zukunft sein, denn es darf keinen Zins tragen. Auch im Islam gibt es ein Verbot des „ribâ“, jedoch kein Verbot des Geldverleihs, desgleichen im Judentum. Die Frage lautet also: Ist Geldverleih ohne Zins Teil der Finanzwirtschaft?

4Robert Reich, The Work of Nations, Vintage Press, New York, 1992.

5

Cf. Paul H. Dembinski, ebenda.

Group of 30 (2015), ebenda.

Paul H. Dembinski, ebenda; Étienne Perrot,, Salvator, Paris, 2011; Judith Assouly, , Les presses de Sciences Po, Paris, 2013; vgl. die Ausgaben des Journals des Observatoire de la Finance, [18]