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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

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Print:ISBN: 978-3-7910-3998-5Bestell-Nr.: 10234-0001
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Umschlaggestaltung: Kienle gestaltet, Stuttgart
Satz: Claudia Wild, Konstanz

September 2017

Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Ein Tochterunternehmen der Haufe Gruppe

Vorwort

Das vorliegende Buch reflektiert eine langjährige Lehrtätigkeit in den Fächern Wirtschaftsgeschichte und Geschichte der Frühen Neuzeit, die ich seit 2007 an den Universitäten Leipzig und Manchester wahrnehmen durfte; auch flossen direkt Überlegungen aus laufenden Forschungsprojekten ein. Seit der Publikation von Carlo Cipollas Klassiker Tra Due Culture[2] (in amerikanischer Übersetzung Between Two Cultures, 1991) – einem Bewunderung abringenden und bis heute unübertroffenen Einführungswerk in die Wirtschaftsgeschichte – sind meines Wissens keine Einführungen mehr entstanden, welche Wirtschaftsgeschichte erstens als gesellschaftlich-kulturell eingebettetes Phänomen, zweitens als einen Gegenstand der langen Dauer (longue durée) und drittens als ein Phänomen betrachten, welches nicht zwangsläufig auf die Industrialisierung und die moderne Weltwirtschaft hin verlaufen ist, sondern vor allem durch Zufälle, variantenreiche Entwicklungspfade und die Existenz multipler, ergebnisoffener und kulturell konnotierter Handlungs- und Entwicklungschancen gewesen ist – mithin multipler Wege in die moderne industrielle Gesellschaft. Viertens – und dies fehlte bereits in dem Werk Cipollas – gibt es praktisch keine Übersichten, welche der Geschichte des ökonomischen Denkens gleichen Rang in der Geschichte der modernen Wirtschaft einräumen wie der Geschichte der ökonomischen Daten. Nun braucht es aber keiner fortgeschrittenen Kenntnisse der Philosophie oder Erkenntnistheorie um festzustellen, dass die Realität, wie wir sie kennen, mehrere Dimensionen hat, die Welt, wie wir sie sehen, oft nicht existiert, mithin dem Denken die gleiche Rolle bei der Konstituierung menschlicher Realität zukommt wie (im vorliegenden Fall) den „harten“ Fakten (Einkommen, Löhne, Preise, Nationaleinkommen/Sozialprodukt, Exporte, Importe, Geldmenge usw.). Die Wirtschaftsgeschichte hat schwerpunkmäßig immer auf letztere abgezielt, vor allem in ihren Meistererzählungen etwa zur Großen Divergenz oder der „Industriellen Revolution“, die bis heute der Rekonstruktion wirtschaftlicher Rahmendaten die ganze Aufmerksamkeit widmen und dabei die intellektuelle bzw. ideengeschichtliche Komponente meist außer Acht gelassen. Falls es dem vorliegenden Buch hier zumindest gelingt, ein paar neue Akzente zu setzen, wäre sein Zweck aus der Sicht seines Autors schon erfüllt.[3]

Ich danke meinem Kollegen Georg Christ (Manchester) und Herrn Bernd Marquard recht herzlich für die sehr genaue und kritische Durchsicht des Manuskripts. Es ist dadurch erheblich verbessert worden, und für verbliebene Fehler haftet allein sein Autor. Allen geneigten Kritikern sei im Voraus für wichtige Hinweise und Korrekturen gedankt. Herrn Stefan Lehm M.A. danke ich für die Bildrecherche, die Erstellung von Grafiken, für die Beschaffung von Literatur sowie die Erstellung des Literaturverzeichnisses. Meiner Familie (Britta, Ailidh und Marit) sei dieses Buch, wie alle anderen auch, gewidmet.

Manchester und Leipzig, im Juni 2017

Philipp Robinson Rössner

Einleitung

Einführungen zur Wirtschaftsgeschichte gibt es zuhauf; empfehlenswert sind vor allem die drei Darstellungen von Rolf Walter, die eine systematisch-didaktisch mit umfassendem Literaturapparat und einer ausführlichen Liste möglicher Herangehensweisen und unbedingt zu empfehlen (Walter 2008), die andere chronologisch-thematisch (Walter 2011), sowie die dritte als kenntnisreiche Darstellung der Weltwirtschaftsgeschichte (Walter 2006). Ferner sind zu erwähnen die knappe Einführung Buchheims (Buchheim 1997), das sehr lesenswerte Buch von Hesse (Hesse 2013) sowie die Einführungen Pierenkempers (Pierenkemper 2005; Pierenkemper 2015), die sich aber alle durch den Fokus auf der Industrialisierung und der sogenannten „modernen“ Wirtschaft auszeichnen. Ein solcher Fokus ist aber aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäß bzw. verkürzt. Im angelsächsischen Sprachraum, der ansonsten die neue Literatur zur Wirtschaftsgeschichte schier dominiert, klafft eine auffällige Lücke an Einführungswerken, vor allem didaktischer Natur. Immer noch unübertroffen ist die meisterhafte Darstellung des italienischen Wirtschaftshistorikers Carlo M. Cipolla (Cipolla 1991). Googelt man indes die Schlagwörter „economic history“ und „introduction“, stößt man zumeist auf das knappe Werk von Robert Allen (2011), welches allerdings weniger eine generelle Einführung für Studienanfänger und Lehrzwecke darstellt, sondern eine methodisch und auch von der thematischen Auswahl her (zu) kurze und anspruchsvolle Abhandlung dessen, was nach Robert Allen die Wirtschaftsgeschichte des Menschen ausmacht (nicht alle Historiker oder Wirtschaftshistoriker würden diese Auswahl und Perspektive Allens indes teilen). Die New Cambridge Economic History of Modern Britain[4], nunmehr in dritter Auflage und aus der Feder von neuerdings Roderick Floud, Jane Humphries und Paul Johnson (Neuauflage von Band 1 2014) und die Cambridge Economic History of Modern Europe[5], herausgegeben von Stephen Broadberry u. a., sind vor allem aussagekräftig hinsichtlich dessen, was Forscher im angelsächsischen Raum, hauptsächlich an der London School of Economics (LSE) lehrend, für Wirtschaftsgeschichte halten und ihre Methoden bzw. darüber, wie Forscher an der LSE über Wirtschaftsgeschichte denken. Hier beginnt die Wirtschaftsgeschichte wiederum mit der Industrialisierung und bezieht sich auf einen oft stark formalisierten Methodenbaukasten, den nicht alle Wirtschaftshistoriker/ innen außerhalb der LSE so akzeptieren (Boldizzoni/Hudson 2015). Ähnlich verhält es sich mit dem neuen beeindruckenden Großprojekt mit dem Titel A History of the Global Economy: From 1500 to the Present (Baten 2016). Vielen neuen Überblicken geht es vorranging um die Darstellung moderner ökonomischer Theorien anhand und mithilfe historischen Datenmaterials, also gewissermaßen „Historische Ökonomik“. Woran es allerdings auf dem Buchmarkt fehlt, sind vor allem Darstellungen, die Wirtschaftsgeschichte, nicht Historische Ökonomik, schreiben und betreiben, und die, wichtiger noch, der vorindustriellen Wirtschaftsgeschichte Raum geben. Wie auch bei der Mehrzahl der thematischen Monografien zur europäischen Wirtschaftsgeschichte „beginnt“ Wirtschaftsgeschichte in den meisten neueren Überblicksdarstellungen nämlich zumeist mit der Industrialisierung oder es wird die vorindustrielle Wirtschaftsgeschichte als ferner Angelpunkt für die im Fokus liegende Wirtschaftsgeschichte der Industrialisierung und der modernen Ökonomie interpretiert, ganz als ob die europäische (Wirtschafts-)Geschichte automatisch und mehr oder weniger nur auf ein Ziel hin verlaufen sei, nämlich die Geburt der industriellen Moderne. Auch fehlt es den meisten Überblickswerken an einer Darstellung oder auch nur Würdigung der Geschichte des ökonomischen Denkens; dort, wo jenes behandelt wird, „beginnt“ die Darstellung meistens mit der Theorie des Merkantilismus oder Adam Smith, dessen Wealth of Nations[6] (1776) gemeinhin, aber irrtümlich, als der Ursprung der modernen Wirtschaftstheorie und Adam Smith entsprechend als der erste „echte“ Nationalökonom in der Geschichte gehandelt wird. Da es sich aber bei der empirischen Wirtschaftsgeschichte, also der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung, der Einkommen, der Produktivität usw. stets um evolutionäre Entwicklungen gehandelt hat, die mit den intellektuellen Strömungen ihrer Zeit eng verzahnt gewesen sind und es hier beidseitige und vielfältige Wechselwirkungen und Feedbackprozesse gegeben hat; und weil aber weder die „reale“ (datenbasierte) Wirtschaftsentwicklung noch ihre Ideengeschichte zielgerichtet auf die industrielle Moderne oder auf irgendein anderes Ende hin verlaufen sind, noch Adam Smith, die ökonomische Klassik oder die industrielle Revolution den Ursprung moderner Ökonomik und der modernen Ökonomie darstellen, scheint eine gewisse Fokuskorrektur aus heutiger Sicht vielleicht nicht ganz ohne Nutzen.[7]

Diese Fokuskorrektur will die vorliegende Einführung leisten. Sie geschieht unter Einbeziehung der jeweils maßgeblichen neueren Forschungsergebnisse, Kontroversen und Diskurse – um gewissermaßen die Darstellung der europäischen Wirtschaftsgeschichte und ihrer Ideengeschichte balancierter, langperspektivisch und ergebnisoffen darzustellen. Dabei kommt diese Darstellung ebenfalls um Verkürzungen (und sicher auch einige Fehler des Autors) nicht herum; Auslassungen gibt es z. B. hinsichtlich der Unternehmensgeschichte (hervorragend hierzu z. B. Pierenkemper 2000 oder das Kompendium in Pierenkemper 2011), der Geschichte der monetären Integration in Europa im 20. Jahrhundert (etwa James 2016), oder des Banken- und Finanzwesens. Und anders als die meisten Lehrwerke wird (Wirtschafts-)Geschichte hier nicht „rückwärts“ gedacht, also vom Endpunkt der industriellen Moderne geschrieben, sondern von ihrem Anfang her, soweit man überhaupt von „Anfängen“ sprechen kann. Zeitlich beginnt sie ungefähr mit der Geburt Christi und dem Römischen Reich (man könnte viele tausend Jahre zuvor beginnen, aber hier endet die Expertise des Autors). Es geht vor allem darum, die Geschichte der ökonomischen Entwicklung als kontingent, d. h. ergebnisoffen und eingebunden in die jeweils herrschenden Umstände der Zeit (Idiosynkratie) und stets mit vielerlei Optionen und möglichen Richtungen zu verstehen und beschreiben. Die Einführung der Dampfmaschine und der diversen industriellen Revolutionen nach 1800 stellt lediglich eine unter vielen denkbaren ökonomischen Entwicklungen der Menschheitsgeschichte dar. Sie unterlag in vielerlei Hinsicht den Gesetzen des Zufalls. Und eine Darstellung der europäischen Ökonomie entweder mit der Industrialisierung beginnen zu lassen oder aber industrielle Entwicklung und die moderne klassische ökonomische Theorie, die zur selben Zeit ihren Anfang nahmen, als Mittel- und Aufhängepunkt einer solchen Darstellung zu wählen, hieße die Wirtschaftsgeschichte zu verkürzen und zu vereinfachen. Daher wird im Folgenden sowohl der Industrialisierung als auch dem klassischen ökonomischen Denken nach 1800 der Raum in der Darstellung eingeräumt, der ihnen gebührt: ausreichende Breite, aber keine deutungstechnische Dominanz. Nur so lässt sich die Frage danach, wie es zu der modernen Ökonomie gekommen ist, gebührend und abwägend beantworten. Die Frage nach dem „warum“ ist ohnehin nicht zu beantworten, da es im Gegensatz zum wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus in der Menschheitsgeschichte weder strenge Kausalitäten noch zielgerichtete oder determinierte Prozesse gibt (Harari 2015; Harari 2017). Die biologische Metapher der Evolution eignet sich auch für die Menschheitswirtschaftsgeschichte. Was es aber in der Wirtschaftsgeschichte der letzten beiden Jahrtausende durchaus gibt, ist ein verblüffendes Portfolio an „begrenzten Unmöglichkeiten“, also vielfältigen Optionen, Handlungssträngen und Chancen (und Risiken), die bisweilen einige Entwicklungspfade wahrscheinlicher machten, andere hingegen weitgehend unmöglich. Wenn man also etwas aus der Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahrtausende lernen kann, dann ist es die schlichte Tatsache, dass menschliche Schicksale und Handlungsmöglichkeiten variabel, ergebnisoffen und in den Optionen flexibel sind – genauso wie der Mensch als biologisches Wesen. Diese Flexibilität im Denken und Handeln ist erlernbar und stellt ein konstruktives „toolkit“, einen analytischen Werkzeugkasten auch für die Lösung gegenwärtiger oder gar zukünftiger Probleme dar.[8-9]

Gewählt wird hierbei das aus jüngerer Forschungsperspektive sich regelrecht aufdrängende Narrativ des modernen Kapitalismus, der im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Aberglauben unter vielen Wirtschaftshistorikern/-innen nicht erst um 1650 oder 1800 „begonnen“ hat, sondern in seinen grundsätzlichen Ausformungen lange zuvor existiert hat, in Europa nämlich grosso modo während des letzten Jahrtausends (Sombart 1913; Sombart 1917–27, Band I und II).

Wirtschaftsgeschichte lang denken – der Vorzug einer langen Sichtweise und Wirtschaftsgeschichte als Geschichte des Kapitalismus

Der „Kapitalismus“ ist in aller Munde; heute (z. B. Kocka 2015; Piketty 2014) vielleicht mehr denn je (Sombart 1902–27; Weber 1904/1905; Karl Marx 1867). Manche glauben, der Kapitalismus habe ausgedient. Die meisten aber – und das schließt auch populär- und nichtwissenschaftliche Geister mit ein (Hermann 2015; Fergusson 2011) – scheinen zu meinen, dass es keine bessere Alternative gibt. Als geringstes aller Übel ist der Kapitalismus zu tolerieren. Er trägt, wenn er gut gehandhabt wird, zur Verbesserung des Menschen und seines wirtschaftlichen Schicksals bei, kann aber, wenn ungezähmt, zum Raubtier mutieren und großen Schaden anrichten. Einigen gilt er daher gar als Kulturgut oder der Ursprung des „Wunders Europa“ (Hank/Plumpe 2012, 2013; Landes 1999), das es unbedingt zu bewahren gilt. Nicht alle würden diese Einschätzung freilich teilen (Graeber 2011).[10]

Zunächst: Was ist Kapitalismus? Eine Definition bzw. endgültige Antwort zu geben ist schwierig bis unmöglich. In den modernen Sozialwissenschaften gilt „Kapitalismus“ vor allem als Kampfbegriff (Kocka 2013, deutsche Ausgabe, Kapitel 1). In Kapitel 5.2 wird näher auf eine konzeptionelle Schärfung, vor allem aber kritische Beurteilung moderner Konzepte einzugehen sein. Eine der am wenigsten kontroversen und dadurch eher konsensfähigen Definitionen wäre, dass Kapitalismus als Produktionsform maßgeblich auf dem Einsatz des Produktionsfaktors Kapital aufbaut, also Geld, Maschinen, Sklaven und jegliche Produktionsmittel außer Arbeit (und Boden, Rohstoffe und Humankapital, die bisweilen als separate Produktionsfaktoren geführt werden), die zur Vermehrung des bestehenden Pools an ökonomischen Ressourcen im Wirtschaftsprozess verbraucht werden. Diese Definition schließt also die seit der römischen Zeit bekannten Formen der Erzeugung auf Plantagen und Sklavenökonomien ein – im 17. bis 19. Jahrhundert also maßgebliche für das Wachstum der europäischen Wirtschaft nutzbare Rohstoffe wie Zucker, vor allem in der Karibik, Tabak (in Nordamerika) und schließlich Baumwolle (in den Südstaaten der USA). Als Kapital gilt auch das im Wirtschaftsprozess eingesetzte Geld als Investivkapital oder zirkulierendes Kapital, wenn es mit dem Ziel eines Gewinns und einer Vermehrung der dem Individuum zur Verfügung stehenden Ressourcen eingesetzt wird, also dem Verzicht auf einen Konsum im Hier und Jetzt mit dem Ziel eines Gewinns in der Zukunft. Kapitalismus ist mithin zukunftsorientiert. Seit dem Mittelalter gab es hier in Europa hitzige Debatten, ob etwa der Zins eine rechtmäßige Sache darstellte; gerade die Tatsache, dass es diese kritischen Debatten gab, sowohl im kirchlichen als auch im „bürgerlichen“ (d. h. römischen) Recht, ist geradezu ein Paradebeleg dafür, wie sehr kapitalistische Produktionsweisen und Mentalitäten im 12. und 13. nachchristlichen Jahrhundert in einigen Teilen Europas florierten (ähnlich wie heute: nach den globalen Krisen nach 2007 ist der Kapitalismus plötzlich wieder auf dem Tisch und eben in aller Munde!). Diese Debatten werden wir im 12. Kapitel im Rahmen einer kurzen Analyse über ökonomische Ungleichheit und die diskursive Konstruktion oder „Erfindung“ des Kapitals genauer kennenlernen. Seit dem Mittelalter (und sogar viel früher) finden wir Beispiele erfolgreichen Kaufmanns- und Unternehmertums überall in Europa, von der arabischen Welt (Abu-Lughod 1989) über Italien bis hin nach Oberdeutschland (die im Mittelalter führende Wirtschaftsregion um die Reichsstädte Augsburg und Nürnberg) und die Niederlande oder England. Dieser Kaufmannskapitalismus war noch weniger auf die Erzeugung und Fertigung von Produkten als vielmehr auf die Generierung von Handelsspannen fokussiert, die sich aus der Kenntnis und Ausnutzung von Preisdifferenzialen für bestimmte Handelswaren an den verschiedensten Orten der Welt ergaben, etwa durch den Handel mit Pfeffer, dessen Wert sich von seinem Ursprungsland an der indischen Malabarküste bis hin zum Konsumenten in einer oberdeutschen Stadt, etwa Augsburg, leicht vervielfachen konnte. Hier war zirkulierendes Kapital oder, wie Zeitgenossen im 18. Jahrhundert zu sagen pflegten, „roulierendes Kapital“ ausschlaggebend für diese physisch-morphologische Ausformung dieses Typs Kapitalismus. Fernand Braudel, der vielleicht bedeutendste Wirtschafts- und Sozialhistoriker des 20. Jahrhunderts, hat dafür den Begriff „capitalism on home ground“, also vom „Heimspiel“ des Kapitalismus geprägt (Braudel 1982–84, Band 3). Der industrielle Kapitalismus, der auf dem Einsatz von Maschinen, Erdöl als Energie, Fabriken und Verbrennungsmotoren beruhte, kam erst später. Er ist ebenfalls eine spezifische Ausformung des modernen Kapitalismus gewesen, ganz sicher aber nicht seine erste oder gar eigentliche Form, wie selbst neueste Studien immer noch suggerieren, wenngleich meist implizit (Beckert 2015; Trentmann 2017). Als Wirtschaftsform ist der Kapitalismus also viel älter und findet sich bereits in der sogenannten „kommerziellen Revolution“ Italiens im 12./13. Jahrhundert (Spufford 2003; Lopez 1976). Auch im arabisch-islamischen Raum des 12./13. Jahrhunderts, der als überaus wirtschaftsfreundlich einzuschätzen ist, waren Handelskompanien, „GmbHs“, Banken, Schecks (suftaja), Eigen- oder Solawechsel (promissory note[11-13]) und andere Formen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs genauso bekannt wie reiche Kaufleute, Makler und Notare, die sich auf die Beglaubigung kommerzieller Kontrakte spezialisiert hatten (Abu-Lughod 1989: 214-224; Udovitch 2011). Andere Forscher, vor allem Werner Sombart (Der moderne Kapitalismus, 3 Bände, Neuauflage 1917–27), gehen vom Kapitalismus als Wirtschaftsstil und prägendes Merkmal einer spezifischen Wirtschaftsmentalität aus, also einer Geisteshaltung, die zunächst einigen wenigen Individuen zu eigen ist, sich dann aber als psychosoziale menschliche Prädisposition oder Verhaltensform von der Mentalität in eine generelle Art des Menschen ausbreitet, wirtschaftlich rational und profitorientiert zu handeln und zu denken. Das Denken spielt hier eine entscheidende Rolle und unterstreicht, wie inhaltsleer Untersuchungen sind, die sich bei der Analyse von ökonomischem Wachstum und kapitalistischer Entwicklung ausschließlich auf harte Daten berufen (Pro-Kopf-BIP, Preisniveau, Reallöhne, Produktivität usw.).[14]

So begründet sich ein weiterer zentraler Standpunkt des vorliegenden Buches: Kapitalismus und Wirtschaftsgeschichte bzw. ökonomische Entwicklung lassen sich ohne eine grundlegende Kenntnis der intellektuellen Unterfütterung, also der Geschichte des ökonomischen Denkens nicht verstehen. Genauso wie die Umstände bisweilen das Denken der Menschen beeinflussen, gilt dies umgekehrt: Ideen können eine beachtliche „reale“ Wirkungskraft und normativ-faktische Gestaltungskraft entfalten, die die Vorstellungskraft vieler Menschen übersteigt. Man denke nur an die Idee des Freihandels, des freien Marktes, der Bürokratie oder des homo oeconomicus – bisweilen schwingen sich diese Ideen zur Herrschaft über ganze Gesellschaften und Köpfe auf, bis in die Hirne der klügsten Akademiker! Sie gelten oft als „wahr“ und beherrschen die Zeitungen, Feuilletons und Diskurse, auch wenn sie in Reinform praktisch nie realisiert oder in praxi beobachtet werden können. Umgekehrt gilt das Gleiche: Neue Forschungen haben erwiesen, dass sich die Idee des Freihandels in England erst dann so richtig Raum brach, im Denken (klassische Ökonomik von Smith und Ricardo) wie in der Praxis (Abschaffung der Getreidezölle in den 1840er-Jahren), als England sich den Freihandel und eine Handelsliberalisierung buchstäblich „leisten“ konnte (Chang 2002; Reinert 2007). Ideen sind also ebenso wichtig wie die Praxis. So besehen finden wir insgesamt erfolgreiche Beispiele kapitalistischen Wirtschaftens, d. h. der Einsatz von Kapital mit dem Ziel, einen steten Mehrwert zu erzielen, in Italien im 12. oder 13. Jahrhundert, ebenso in den Niederlanden in ihrem „goldenen Zeitalter“ zwischen 1500 und 1750 oder in England und den USA im 18./19. Jahrhundert – dem Zeitalter der Industrialisierung – und natürlich heute in vielen Gesellschaften der Welt.[15]

Kapitalismus hat dabei wenig mit „freier Marktwirtschaft“ zu tun, sondern vor allem mit ökonomisch rationalem Handeln und dem Ziel eines Gewinns, der Mehrung des Vermögens, dem Einsatz rationaler Methoden, etwa der doppelten Buchführung, dem modernen Versicherungs- und Finanzwesen usw. Wiederum sind die europäischen Varieties of Capitalism des 18. bis 21. Jahrhunderts nur spezifische Ausprägungen oder regionale und zeitspezifische Sonderformen eines Wirtschaftsstils gewesen (nicht aber seine „eigentliche“ oder historisch erstmals oder gleichsam in Reinform fassbare Gestalt), der nicht nur idealtypisch, sondern auch von seiner historischen Genese her viel älter ist und in der Wirtschaftsgeschichte der Welt nicht nur während des gesamten letzten Millenniums in vielfältiger (und wechselnder) Ausprägung immer wieder nachweisbar ist, sondern in anderen Teilen der Welt ebenso. Dies macht die Verwendung des Kapitalismusbegriffs nicht unmöglich, sondern im Gegenteil zu einem der brauchbarsten und epistemisch fruchtbarsten methodischen Zugriffe, mithilfe deren sich die europäische Wirtschaftsgeschichte gut sortieren lässt und der vor allem mit der im Fach „Wirtschaftsgeschichte“ üblichen, aber völlig haltlosen analytischen Trennung von „industrieller“ und „vorindustrieller“ Zeit aufräumt. Der Kapitalismus und auch die moderne Industrie- bzw. Wachstumsgesellschaft (und natürlich auch die postindustrielle Zeit) haben ihre Vorgeschichte, die man nicht so einfach um 1800 herum einfach „beginnen“ lassen kann.[16]

Und vor allem dürfte jetzt klarer geworden sein, wie sich das hier vorliegende Buch positioniert und wo es als „Produkt“ Neuland beschreitet: Durch die Betrachtung über die lange Dauer, die longue durée. Und dies bedeutet mehr als eine zeitliche Dimension; es geht auch um eine größere bzw. in weitere Zusammenhänge eingebettete Sicht- und Erklärungsweise. Sowohl vom Lehrkanon als auch von den Schwerpunkten in der wirtschaftshistorischen Forschung hat sich die Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahrzehnte vor allem auf das 19. und 20. Jahrhundert fokussiert, also die Industrialisierung und die Zeit danach. Aber auch vom Zugriff her: Während sozialgeschichtliche Fragestellungen hier nicht im Fokus der Erzählung stehen, hat eine relativ eng geführte Fokussierung auf ökonometrische Methoden und streng ökonomistisch begründete Fragestellungen dazu geführt, dass vor allem an US-amerikanischen Lehrstühlen und Wirtschaftsfakultäten die Wirtschaftsgeschichte zur Historischen Ökonomik verkommen ist, also zur Zahlenspielerei und Anwendung moderner ökonomischer Methoden und Theorien auf historisches Zahlenmaterial (Boldizzoni/Hudson 2016; Boldizzoni 2011). Dies aber kann nicht Gegenstand ernsthaft betriebener Wirtschaftsgeschichte sein! Bis heute und seit hunderten von Jahren ist „Wirtschaft“ in weitere komplexere, kulturelle und gesellschaftliche Sinnzusammenhänge eingebettet gewesen, die es mitzudenken gilt, will man die Segnungen und Abgründe des Kapitalismus verstehen. Sicher haben die globalen Wirtschafts- und Finanzkrisen der jüngeren Zeit (2007 ff.) zu einer gewissen Rückbesinnung beigetragen, vor allem darauf, dass man die Wirtschaftsgeschichte Europas wieder stärker sozialwissenschaftlich unter die Lupe nimmt, dabei erstmals die Großerzählungen und Erzählweisen der alten Meister wählt und damit das „K-Wort“ (Kapitalismus) wieder in den Mund nimmt (Kocka 2015; Appleby 2011) oder größere Zusammenhänge kapitalistischer Prägung untersucht (ein junges Beispiel: Trentmann 2017). Karl Marx (1867), Max Weber (1904/1905), Werner Sombart (1902–27) und Fernand Braudel (1982–84) haben es vorgemacht. Bei Marx, Weber und Sombart handelt es sich um die immer noch analytisch und von der beschreibenden Dichte her ungeschlagenen Großmeister historisch-ökonomischer Erzählungen, die an analytischer Schärfe und Tiefe, rhetorischer Verve und erzählerischer Dichte bis heute ihresgleichen suchen. Diese handeln davon, wie wir reich geworden sind. Diese Narrative unterscheiden sich von den stärker ökonomistisch und ökonometrisch ausgelegten historischen Geschichten, welche in den Jahrzehnten nach 1960 und bis heute sehr populär gewesen sind (Boldizzoni/Hudson 2016). Sie tun dies vor allem dadurch, dass sie Wirtschaftsgeschichte nicht ausschließlich oder gar primär mithilfe oder bezogen auf ökonomisch definierte Rahmendaten gestützt analysieren (Preise, Löhne, Einkommen, Produktivität usw.), sondern dabei die weiteren kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen mit einbeziehen, die die europäische Wirtschaftsgeschichte des letzten Jahrtausends zu dem gemacht haben, was sie war: Eine Geschichte der Einbettung ökonomischer Tatsachen, Handlungen, Akteure und Aktionen in weitere, größere Zusammenhänge, die nicht allein und nicht primär ökonomisch bedingt gewesen sind und die daher nicht ausschließlich ökonomisch erklärt werden können.[17-18]

Man muss kein Marxist sein um zu erkennen, dass es sich beim Kapitalismus um ein weit über das Ökonomische hinausgehendes „totales“ gesellschaftliches und kulturelles Phänomen handelt, also um einen mode of production (Karatani 2013). Wer Wirtschaftsgeschichte also ausschließlich unter Rückgriff auf Daten wie Einkommen, Preise, Löhne, Produktivität, Wachstum usw. „verstehen“ will, versteht sie eben gar nicht! Dabei hat der Rückgriff auf das Narrativ vom Kapitalismus sich als äußerst fruchtbarer „dritter Weg“ auch in der allgemeinen Geschichtswissenschaft der jüngeren Zeit erwiesen. Diese redet weder einem totalen ökonomischen Determinismus das Wort (und damit dem Gedanken, dass das volkswirtschaftliche Methodeninstrumentarium das ausschlaggebende analytische „Toolkit“ darstellt), noch tappt sie in die andere modische Falle unserer Zeit, die sich strukturellen und strukturgeschichtlichen Narrativen nahezu komplett versagt hat. Ein Beispiel für letztere Richtung oder „Geschichtsphilosophie“ wäre der sogenannte Cultural Turn[19] und seine Abspaltungen, die die Geschichtswissenschaften der letzten vier Jahrzehnte maßgeblich geprägt, wenn nicht gar beherrscht haben, die aber im Kern genauso reduktionistisch und determiniert angelegt sind wie die strukturgeschichtlichen Analysen der ökonomistischen Narrative, oft als „Cliometrie“ oder kliometrische Methodik bezeichnet, die sie oft, wenngleich implizit und indirekt kritisieren. Viele Historiker schenken ökonomischen Fragestellungen schlechterdings gar keine Beachtung mehr, beanspruchen aber für sich, eine letztgültige Analyse- bzw. Erzählform für historische Ereignisse geliefert zu haben (z. B. Ulbricht 2009, Kapitel 1 zum Nicht-Theorieanspruch der Mikrogeschichte unserer Zeit, einer florierenden Art, die der Gattung der sogenannten kulturalistischen Wende durchaus zugerechnet werden darf).

Dass dabei der Kapitalismus trotz aller seiner Untiefen und dunklen Seiten die beste aller bislang möglichen oder in der Praxis realisierten Wirtschaftswelten darstellt, wird man kaum bezweifeln können (etwa Hermann 2016; Hank/Plumpe 2012, 2013), wenn man als höchstes Menschheitsziel das Wirtschaftswachstum definiert (viele Forscher, der Autor eingeschlossen, aber würden dies kritisch sehen). Alternative Allokations- und Gesellschaftsformen wie Kommunismus oder Sozialismus (in seiner rigiden Form sichtbar etwa in der 1991 untergegangenen Sowjetunion) oder in Stammesgesellschaften vorherrschende Produktions- und Verteilungsformen mögen zwar hier und dort zu einer höheren Verteilungsgerechtigkeit und niedrigeren ökonomischen Ungleichheit führen (Rössler 2005; Plattner 1989; Wolf 1966). Typischerweise führen sie aber weder zur Ausbildung großflächiger und komplexer staatlicher, sozialer und ökonomischer Systeme, noch generieren sie langfristig den Zuwachs von Einkommen und Wohlstand, den kapitalistische Systeme in Europa und auch außerhalb während der letzten sechs Jahrhunderte, besonders aber nach 1800 (industrielle Revolution) hervorgebracht haben. Eine andere Frage ist natürlich, ob und inwiefern traditionelle Wohlstandsmesser (wie Bruttoinlandsprodukt) die Wohlfahrt und das Wohlbefinden der Menschen zuverlässig abbilden (vgl. dazu Kapitel 3). Die hier gewählte Sicht- und Betrachtungsweise von Wohlstand, der sich vor allem materiell-finanziell manifestiert, mag verkürzt erscheinen – Glückseligkeit und Lebensqualität sind weit mehr als nur materiell bedingt und lassen sich schlechterdings weder messen noch aufgrund „harter“ ökonomischer Daten treffend prädizieren oder ableiten. Moderne Studien zur globalen ökonomischen Ungleichheit suggerieren aber, dass zwischen individuellem Wohlbefinden und Einkommensniveau doch, global besehen, eine Korrelation besteht, die man freilich näher und für jedes Land und jede Gesellschaft en detail modellieren muss; die Formel „je reicher das Land, umso glücklicher die Menschen“ wäre zu plakativ (Deaton 2017). Denn Zahlen zu Einkommen und Wirtschaftsleistung sagen freilich nichts über individuelle Lebensformen, Befindlichkeiten, Freude und Gestaltungsweisen der Menschen aus, die man ganz sicher nicht allein aufgrund quantitativer Erhebungen zu Einkommen und Vermögen wird ermitteln können. Diese sind aber auch nicht (Kern-)Gegenstand der Wirtschaftsgeschichte. Da die Wirtschaftsgeschichte nun einmal mit „materiellen“ Daten arbeitet, wird auch die vorliegende Untersuchung nicht umhinkommen, den Kapitalismus hauptsächlich eben unter jenen Gesichtspunkten zu studieren. Und ein Blick in die Geschichte legt nah: Keine alternative Gesellschaftsform hat – bislang – die in der Summe beachtlichen und von ihrer Langzeitwirkung her fundamentalen Einkommenssteigerungseffekte gezeitigt, die dem Kapitalismus europäischer Prägung während des letzten Jahrtausends innegewohnt haben. In Summe und von der Verfügbarkeit materieller Güter her betrachtet ging es dem Individuum der sogenannten westlichen Welt nie so gut wie in den Zeiten des modernen Kapitalismus (hier wird die Definition und Zeiteinteilung von Werner Sombart [1907–27] favorisiert). Man sollte dabei allerdings immer das gesellschaftliche Gesamtpaket betrachten und nicht alleine auf ökonomische Kenndaten (Inflation, Realeinkommen) abzielen – dazu gehören allgemeines Wahlrecht, Demokratie, Gleichheit zwischen Frau und Mann (bis hin zum Gendermainstreaming), gesellschaftliche und politische Partizipation, das Fehlen von sozialer Unterdrückung, ein allgemein hohes Gesundheitsniveau, eine hohe Lebenserwartung, reduzierte Säuglingssterblichkeit und allgemeine Durchschnittseinkommen, die in Europa weit über dem Existenzminimum liegen und, zumindest in der Theorie, breiten Raum für die Entfaltung individueller Konsumpräferenzen und Verwirklichung des Einzelnen und seiner vielfältigen Lebensentwürfe geben. Letztere unterliegen – bis auf den Konsum von Drogen oder die körperliche und seelische Schädigung anderer – weitgehend den Prinzipien wechselseitiger Toleranz. In anderen Erdteilen gibt es durchaus andere Gesellschaftsentwürfe, auch dort gibt es und hat es Kapitalismus gegeben. Betrachtet wird im vorliegenden Buch also der moderne Kapitalismus europäischer Prägung, wie er sich seit dem Zeitalter der Renaissance ausgebildet hat (Sombart 1902–27). Auch wenn es im Folgenden um eine wirtschaftsgeschichtliche Betrachtungsweise gehen wird, sollte man diese sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Wohlfahrtsindikatoren also zumindest stets mitdenken, zumindest implizit. Andernfalls gelangt man unter Umständen zu einem unvollständigen Bild.[20-22]

Ein Grundpfeiler der solcherart (ein-)gebetteten kapitalistischen Ökonomien der heutigen Zeit stellt die freie Marktwirtschaft dar. Doch herrscht selbst in kritischen populärwissenschaftlichen Büchern der letzten Zeit, vielleicht mehr noch in vielen Einführungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte eine gewisse Sorglosigkeit und Unkenntnis darüber, was Kapitalismus bzw. Wirtschaftsgeschichte eigentlich ist oder wie es eigentlich zur Ausbildung jener „freien“ Marktwirtschaften gekommen ist, die die heute sprichwörtliche, aber leider viel zu selten kritisch hinterfragte Grundlage unserer Welt legen. Letztere scheint zudem zunehmenden Gefahren ausgesetzt zu sein, um nur ein paar zu nennen: Protektionismus, Terror und Diktatur. Einige reden immer noch der Fabel das Wort, es sei das Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations[23] (1776) aus der Feder des schottischen Philosophen Adam Smith gewesen, welches die moderne Wirtschaftstheorie und intellektuelle Unterfütterung der modernen Marktwirtschaft geliefert habe (etwa das trotz dieses Sachirrtums sehr vergnügliche und lesbare Buch der Wirtschaftsjournalistin Hermann 2016). Andere Vertreter behaupten felsenfest, es habe sich um das Jahr 1800 herum, unter anderem im intellektuellen Fahrwasser jenes eben genannten Buches von Adam Smith, ein Weg zur zunehmenden Liberalisierung der europäischen Gesellschaften ergeben, der schlussendlich den Aufstieg der modernen Marktwirtschaft und des modernen Kapitalismus begründet hätten (Mokyr 2011). Andere Bücher wiederum behaupten, manchmal schlicht durch Unterlassung, dass die abendländische Geschichte und somit auch die Geschichte der modernen Welt und des modernen Kapitalismus 1800 begonnen habe, nämlich mit der Industrialisierung, der Französischen Revolution und dem Zeitalter Napoleons, welche in allen Bereichen des europäischen Lebens, Wirtschaftens und Empfindens, zu einem Zeitalter der Öffnung, Demokratisierung und der Liberalisierung mit wachsendem Reichtum für alle geführt hätten (implizit den Weltgeist darstellend: Acemoglu/Robinson 2011; Clark 2007). Demokratie bzw. Freiheit und Kapitalismus werden dabei üblicherweise als zwei Seiten derselben Medaille gesehen (Friedman 1963), obgleich es weder empirisch noch theoretisch hierfür überzeugende Argumente gibt. Die Beispiele England um 1750 oder China um 2017 suggerieren eher das Gegenteil und veranschaulichen sehr schön, dass intensives ökonomisches Wachstum keiner demokratischen Mechanismen bedarf (Epstein 2000). Ja, man könnte eher im Umkehrschluss die These wagen, dass Demokratie und vermehrte gesellschaftliche Partizipation oft zeitversetzt nach fundamentalen ökonomischen Wachstums- und Transformationen erst ermöglicht bzw. von den Menschen und Politikern akzeptiert werden; dass der Kapitalismus in einigen Teilen der Welt Demokratie und sogenannte inklusive politische und ökonomische Institutionen erst möglich macht. Aber auch dies ist ein neoliberaler Mythos (Friedman 1963). Es gibt nämlich keinerlei belastbare empirische oder theoretische Begründungen der Annahme, dass dies generell der Fall gewesen wäre: Neben zunehmender (statt abnehmender) ökonomischer Ungleichheit als direkte Folge des modernen Kapitalismus (Piketty 2014) suggerieren neue Studien ebenso, dass „kapitalistische“ Wirtschaftsentwicklung auch unter nicht demokratischen, exklusiven und extraktiven Bedingungen gut möglich ist (Abad/van Zanden 2016), der Kapitalismus also weder inklusiver ökonomischer Institutionen (bzw. „demokratischer“ Praktiken und Systeme) bedarf noch letztere automatisch begünstigt oder zwangsläufig oder automatisch hervorbringt. Das Gegenteil ist auch in der neueren Geschichte der Industrialisierung Europas und Amerikas nachweisbar (Beckert 2015; Kocka 2015). Vor allem hat sich der bereits vor 1800 sichtbare Entwicklungsvorsprung Europas gegenüber Indien und China im Zuge der Industrialisierung nochmals drastisch erhöht. Es entstand, was in der historischen Forschung als „Große Divergenz“ (great divergence[24-25]) bekannt geworden ist (Pomeranz 2000). Erst seit den letzten drei Jahrzehnten hat China begonnen, diese Wohlstandslücke oder „Große Divergenz“ wieder zu verringern, mit einigem Erfolg und unter Anwendung kapitalistischer Praktiken. Auch dies ein Lehrstück der Geschichte des modernen Kapitalismus! Ökonomische Ungleichheit – nicht deren Verminderung – auf globaler wie nationaler Ebene ist also ein zentrales Wesensmerkmal, vielleicht sogar entscheidender Baustein des kapitalistischen Wirtschaftssystems gewesen.

Die Vernachlässigung der Vorgeschichte des kapitalistischen Europas und der Vorgeschichte der industriellen Revolution in den schulischen und universitären Lehrkurrikula in den Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften haben hier zu einer gewissen Geschichtsblindheit unter Historikern/-innen und Ökonomen beigetragen. Die meisten Einführungswerke zur Wirtschaftsgeschichte beginnen um 1800, so als ob dem Urknall und dem Wirken Gottes gemäß die moderne Welt auf einen Schlag durch spontane Verpuffung und gleichermaßen aus dem Nichts entstanden sei. Nicht nur wird die Epochenschwelle um 1800 meist als Ursprung von Industrialisierung, Kapitalismus und moderner Welt angesehen, es ergab sich auch in vielen historischen Studien und journalistischen Versuchen die These, dass mit dem Eintreten der sozialistischen Länder in das kapitalistische Wirtschaftssystem der Weltgeist seinen Zweck erfüllt hatte und sich zur Ruhe legen konnte. Das Ende der Geschichte war gekommen, nachdem sie 1800 begonnen hatte. Die Mehrheit der Menschen war im bestmöglichen aller Systeme angekommen (Fukuyama 2006, Friedman 2002). Eine vergleichsweise kurze und überdies banale Menschheitsgeschichte! Manche Wirtschaftshistoriker/-innen wischen die Jahrhunderte vor 1800 damit buchstäblich vom Tisch, mit der relativ fadenscheinigen Begründung, am Einkommen und Wachstumsmuster der Welt habe sich erst seit 1800 eine radikale Änderung ergeben; vorher sei grosso modo alles gleich und alle Menschen gleich arm gewesen (Clark 2007). Wie falsch alle diese Annahmen zumindest vom Ende der Geschichte sind, haben die politischen Wirren nach 2014 (sogenannte „Arabellion“, Arabischer Frühling, Flüchtlings„krise“, Unabhängigkeitsreferendum Schottlands 2015 und das Brexit-Votum Großbritanniens 2016) deutlich gezeigt. Zentrale Ursprünge und Wesensphänomene aber, die dem modernen Kapitalismus zu eigen sind und ihre volle Wirkungsmacht erst in den Jahrhunderten nach 1800 entfalteten, waren aber in der langen vorindustriellen Geschichte Europas seit dem Mittelalter gelegt worden.[26-27]

Man kann die Geschichte des modernen Kapitalismus also nicht einmal ansatzweise, geschweige denn in ihren Grundzügen verstehen, wenn man mit der Industrialisierung Englands oder Adam Smiths Wealth of Nations beginnt. Das hieße nichts weniger als die sechs oder sieben Jahrhunderte vor 1800 auszublenden. Denker wie Adam Smith und scheinbar moderne Produktionsverfahren und Gesellschaftsformen (Industrialisierung, Kapitalismus, Demokratie) werden dabei in schiefes Licht gerückt, da sie oft als Urväter von Ideen und Theorien dargestellt werden, die zu ihrer Zeit entweder common sense waren, eine lange Vorgeschichte hatten oder aber aufgrund ihrer so zielführend an der ökonomischen Realität der Zeit vorbeiführenden Argumentation mit vollem Recht als exotisch, exzentrisch oder futuristisch bezeichnet werden dürften. Dies gilt für Adam Smith gleichwohl wie das Freihandelstheorem David Ricardos, zwei der wirkmächtigsten „Theoreme“ der jüngeren Jahrhunderte (Reinert 2007; 2013). Die Grundlagen für den Reichtum Europas wurden nicht erst um 1800 gelegt, sondern viel früher, spätestens während der europäischen Renaissance nach dem Ende der Pestwellen um 1350. Und, so könnte man hinzufügen: Relativ besehen ist Europas Reichtum bereits am Schrumpfen, andere Weltregionen holen auf. In 50 bis 100 Jahren sieht die Welt wahrscheinlich anders aus – vielleicht gibt es den Kapitalismus dann gar nicht mehr. Möglicherweise sind dann die Industrialisierung und das „Wirtschaftswunder Europa“ (Landes 1998, Jones 2003) nur eine Fußnote in einer Weltgeschichte gewesen, deren lange Konturen, gedacht in Jahrhunderten und Jahrtausenden, anderen Weltregionen, vor allem China, eine höhere Wirtschaftskraft und Wirkungsmacht in der ökonomischen Weltgeschichte bescherten (Menzel 2015; Bin Wong 2016).[28]

Allerdings gilt, ob zynisch oder nicht, auch für die Wirtschafts- und Globalgeschichte das Diktum des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883–1946): „In the long run we are all dead.“ Und es ist eines der Ziele dieses vorliegenden Buches – neben der Beigabe eines Rüst- und Handwerkszeuges für angehende Ökonomen und Wirtschaftshistoriker, die sich ein kurzes Bild von der Wirtschaftsgeschichte und der Geschichte des Kapitalismus machen wollen – diese Geschichte der modernen Wirtschaft, wie wir sie kennen, aus einem neuen Blickwinkel, aus langer Perspektive (longue durée) und kompletter zu konturieren als die meisten Einführungswerke dies üblicherweise tun. Das heißt auch, dass man sich bei der Analyse der Wirtschaftsgeschichte nicht auf ökonomische Faktoren beschränken sollte. Denn genauso wenig wie es „die Politik“, „die Gesellschaft“, „die Kultur“ als einzelne und sinnvoll zu trennende menschliche Handlungs- und Empfindungsfelder gibt, so wenig gibt es „die Ökonomie“ als ihren eigenen Mechanismen oder gar Gesetzmäßigkeiten gehorchendes Feld (nichtsdestotrotz haben bis heute viele Ökonomen das Gegenteil behauptet). Der Mensch ist stets mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. Seine jeweiligen Handlungs- und Empfindungsfelder greifen ineinander und sind untrennbar miteinander verschlungen. Die wenigsten Menschen handeln nur oder auch nur vorzugsweise ökonomisch oder rational. Und selbst wenn bei den Marxisten bzw. bei Bertolt Brecht das buchstäbliche Fressen vor der Moral kommt, so hat sich die Annahme, dass Menschen sich innerhalb ökonomisch determinierter Kontexte bewegen und all ihr Leben, Abwägen, Lieben, Leiden und Leidenschaften ökonomischen Zwängen unterordnen, nicht durchgesetzt. Es hat Versuche in den 1970er- und 1980er-Jahren gegeben, genau dieses zu „beweisen“; etwa durch Ökonomen wie Milton Friedman oder Gary S. Becker. Die empirische Sichtweise, etwa auf die Geschichte, bestätigt diese Hypothesen i. d. R. nicht. Und allein dies sollte ein Grund sein, sich systematisch mit Wirtschaftsgeschichte zu befassen – da ein historischer Blickwinkel vielleicht zu treffsichereren bzw. verlässlicheren ökonomischen Modellen führen kann.[29]