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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

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Oktober 2017

Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Ein Tochterunternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt

Vorwort

Die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für das Banking haben sich in den zurückliegenden Jahren dramatisch verändert. Zunächst der Schock der Finanz- und Wirtschaftskrise, dann die Sorgen um den Bestand des Euroraums und in jüngster Zeit zunehmende protektionistische Tendenzen – allesamt gewaltige Herausforderungen für die Finanzbranche. Hinzu kommen nicht zuletzt die Umwälzungen durch die zunehmende Digitalisierung des gesamten Wirtschaftslebens. Das vorliegende Buch soll helfen, die wichtigsten ökonomischen Einflüsse auf die Wirtschaft im Allgemeinen und die Finanzwirtschaft im Speziellen etwas näher zu beleuchten. Das volkswirtschaftliche Basiswissen soll in kompakter Form und ohne übermäßigen theoretischen Ballast vermittelt werden. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf aktuelle Fragestellungen gelegt.[2]

In Kapitel 1 werden die wichtigsten volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen erklärt. Dazu zählen Megatrends wie Globalisierung und Protektionismus, Klimawandel, Digitalisierung und Demographischer Wandel.

Seiner zentralen Bedeutung für das Finanzwesen entsprechend, schließt daran das ausführliche Kapitel 2 „Grundlagen der monetären Ökonomie“ an. Im Rahmen dieses Kapitels beschäftige ich mich mit den Themen Inflation/Deflation, der Geldpolitik der EZB, der Diskussion um die Bargeldabschaffung sowie Fragen rund um Währungen und Wechselkurse.

Kapital 3 hat das ambivalente Verhältnis von Staat und Wirtschaft zum Inhalt. Wann und wie soll der Staat in einer Marktwirtschaft aktiv werden, in welcher Beziehung stehen öffentliche Aufgaben, Ausgaben und Einnahmen zueinander und was heißt Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert?

Kapitel 4 „Konjunktur und Wachstum“ befasst sich vor allem mit den für Anleger wichtigen Themen wie Konjunktur und Konjunkturindikatoren sowie dem Einfluss des Konjunkturzyklus auf Vermögenspreise.[3]

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den Mitarbeitern des Schäffer-Poeschel-Verlags, Frank Katzenmayer und Adelheid Fleischer, deren tatkräftige Unterstützung sehr zum Gelingen dieses Buches beigetragen hat. Ein besonderer Dank gilt auch Sabine Röhrl, die mir wieder einmal bei der Erstellung von Grafiken eine große Hilfe war.

Gewidmet sei das Buch meinen Kindern Jana, Lukas und Lea.

Heilbronn, im August 2017 Prof. Dr. Oliver Letzgus

1   Volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert

1.1   Globalisierung und neuer Protektionismus

Das Jahr 2016 könnte in die Annalen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen eingehen. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union („Brexit“) und der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten bahnt sich scheinbar eine Abkehr von dem Prozess der Globalisierung an. An dessen Stelle treten vermehrt Bemühungen um Abschottung. Diese Tendenz hin zu einem verstärkten Protektionismus zeigt sich unter anderem darin, dass bestehende oder geplante Freihandelsabkommen zur Disposition gestellt oder gestoppt wurden. Allerdings hat die Globalisierung bereits vor Trump und Brexit an Tempo verloren: 2008 betrug der Gesamtwert aller Ein- und Ausfuhren am globalen BIP rund 52 Prozent, 2014 noch 49 Prozent.

Die moderne Globalisierung gewann in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts an Fahrt, als eine Reihe bis dato rückständiger und dem Welthandel abgewandter Länder mit China an der Spitze sich wirtschaftlich öffnete. Zuvor beschränkte sich die intensive grenzüberschreitende ökonomische Zusammenarbeit im Wesentlichen auf die westlichen Industriestaaten. Richtig an Fahrt nahm die Globalisierung dann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der anschließenden weltweiten Ausbreitung des marktwirtschaftlichen Systems auf.[4]

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Quelle: UNCTAD

Abb. 1.1: Weltweite Exporte im Warenhandel (1950–2016)

Neben der Integration vormals nicht kapitalistisch ausgerichteter Länder in die Weltwirtschaft spielen die technischen Fortschritte insbesondere in der Informations- und Kommunikationstechnologie eine zentrale Rolle im modernen Globalisierungsprozess. Gepaart mit Innovationen in den Bereichen Transport und Logistik erlaubten sie eine stärkere internationale Aufgabenteilung selbst in eng miteinander verzahnten Produktionsprozessen innerhalb eines Unternehmens.

Die Globalisierung lässt sich vor allem anhand folgender Indikatoren beschreiben:

Mit der Globalisierung sind vielfältige Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Finanzmärkte verbunden. Positiv zu Buche schlagen insbesondere Wohlstandsgewinne in Folge[6]

Sowohl auf globaler Ebene wie innerhalb der einzelnen Volkswirtschaften überwiegen zwar nach Ansicht der überwiegenden Zahl von Ökonomen insgesamt die positiven Effekte. Einzelne gesellschaftliche Gruppen können aber sehr wohl Verluste erleiden. In den Industrieländern wird die internationale Verflechtung deshalb heute vielfach als Herausforderung angesehen, wobei folgende Punkte besonders ins Gewicht fallen:

Aus den beschriebenen Entwicklungen ist in den letzten Jahren in den entwickelten Ländern zunehmender Widerstand gegen die Globalisierung erwachsen. Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang auf die starken Proteste gegen das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP sowie das Anwachsen populistischer Parteien, die sich explizit gegen die Globalisierung aussprechen, hingewiesen.

Protektionismus (oder wie manche es nennen „Neomerkantilismus“), also der Schutz der heimischen Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz sowie die Förderung der Exporttätigkeit, hat wieder an Bedeutung gewonnen. Mit dem Zurückdrängen der Einfuhren und der Zunahme der Ausfuhren sollen die heimische Wirtschaftsleistung gefördert und die Beschäftigung im Inland erhöht werden. Zu diesem Zweck werden Zölle oder nicht-tarifäre Handelshemmnisse eingesetzt. Auch die in den USA diskutierte Besteuerung von grenzüberschreitenden Umsätzen („Border Adjustment Tax“), bei der importierte Waren besteuert und exportierte Waren steuerbefreit würden, zielt in diese Richtung.

Eine solche Politik der Abschottung, die im Widerspruch zur herrschenden Lehre steht, wonach von der internationalen Arbeitsteilung alle profitieren, ist auch für das protektionistische Land mit erheblichen Risiken verbunden. Zum einen[9] besteht die Gefahr, dass der Rest der Welt mit handelspolitischen Gegenmaßnahmen reagiert, die in einen Handelskrieg münden können, unter dem am Ende alle zu leiden hätten in Form starker Wohlstandeinbußen. Die Dreißigerjahre des vorherigen Jahrhunderts sind eine Blaupause für die Folgen einer um sich greifenden Abschottungspolitik. Als die Vereinigten Staaten vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise 1930 den Smoot-Hawley-Tariff-Act verabschiedeten, erhöhten sich die US-Zölle für über 20.000 Produkte auf Rekordniveau. Zwar verringerten sich die US-Importe in den Folgejahren um ein Drittel. In Folge von Vergeltungsmaßnahmen der anderen Länder sanken auch die US-Exporte in derselben Größenordnung. Am Ende blieben nur Verlierer übrig. Der Welthandel schrumpfte um zwei Drittel. Zum anderen leiden die inländischen Verbraucher ganz unmittelbar unter Protektionismus. Die Warenvielfalt geht zurück und die Preise steigen, sodass sich die Kaufkraft verringert. Die Gefahr von Lohn-Preis-Spiralen und damit höherer Inflationsraten nimmt zu. Hinzu kommt, dass die unter dem Schutz von Handelshemmnissen entstehenden Arbeitsplätze teuer sind und in einer vollbeschäftigen Wirtschaft zu Verdrängungseffekten oder Produktionskostensteigerungen in anderen Sektoren führen können.

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Quelle: WTO

Abb. 1.3: Länder mit dem höchsten Handelsbilanzüberschuss (2017)

Literatur

Besch, R./Scheuerle, A. (2017): Protektionismus kennt letztlich nur Verlierer, in: Volkswirtschaft Spezial der Deka-Bank, Ausgabe 2/2017 vom 23. Februar 2017.[10]

Deutsche Bundesbank (2016): Zur Schwäche des Welthandels, Monatsbericht März 2016, S. 13–37.

Felbermayr, G./Steininger, M. (2016): Wie gefährlich ist die angekündigte Handelspolitik von Donald Trump?, in: ifo Schnelldienst, Nr. 22/2016 vom 24.11.2016, S. 34–41.

Wirtschaftsdienst (2015): Die Zukunft des Welthandels, Zeitgespräche (mit Beiträgen von Görg, H./Klein, M./Pflüger, M./Krebs, O./Scherrer, Chr.), Nr. 5/2015, S. 303–318.

1.2   Klimawandel und Klimapolitik

Der naturwissenschaftliche Hintergrund: Die Erde wird von einer Lufthülle umgeben, welche die Eigenschaft hat, einfallendes Sonnenlicht nahezu ungehindert passieren zu lassen, gleichzeitig jedoch einen Großteil der vom Erdboden reflektierten Wärmestrahlen zurückzuhalten. Dieser natürliche Treibhauseffekt sorgt dafür, dass auf der Erde eine Durchschnittstemperatur von etwa 15 Grad herrscht. Ansonsten läge die Temperatur bei minus 18 Grad. Durch den zunehmenden Ausstoß von Treibhausgasen (v. a. Kohlendioxid, Methan, FCKW) wird dieser Wärmespeichereffekt jedoch noch verstärkt. In der Folge kommt es auf der Erde zu klimatischen Veränderungen. Der Begriff Treibhauseffekt steht inzwischen stellvertretend für diesen von Menschenhand erzeugten „Zusatztreibhauseffekt“.

2013 legte das internationale Expertengremium IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) seinen fünften Weltklimabericht vor. Anhand verschiedener Szenarien beschrieben die Forscher die nach heutigem Kenntnisstand möglichen Folgen des Klimawandels. Demnach erhöht sich die Durchschnittstemperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um 1 bis 3,7 Grad Celsius. Durch Abschmelzen der Polkappen könnte der Meeresspiegel um rund einen halben Meter steigen. Zudem sollte die Häufigkeit extremer Wettereignisse (Überschwemmungen, Wirbelstürme, Trockenperioden usw.) weiter zunehmen. Ökonomische Risiken sind bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von über zwei Grad zu befürchten.[11]

Aber unabhängig davon, ob alle Vorhersagen zu den physischen Folgen im genannten Umfang auch eintreten, wird das Thema Klimawandel die wirtschaftliche Entwicklung rund um den Erdball in jedem Fall beeinflussen und sich damit auch an den Finanzmärkten niederschlagen. Dafür genügt es bereits, dass die Entscheidungsträger in Politik, Verwaltungen und Unternehmen auf die vermutete Bedrohung reagieren, wie es bereits schon seit längerem der Fall ist. Von veränderten Rahmenbedingungen sind volkswirtschaftlich so bedeutende Sektoren wie die Energiewirtschaft, die Transportbranche oder der Agrarsektor unmittelbar betroffen. Mittelbare Folgen sind vermutlich in nahezu allen Bereichen festzustellen.

Der Startschuss für eine globale Umweltpolitik liegt bereits einige Jahre zurück. 1992 fand in Rio de Janeiro die erste Weltumweltkonferenz statt. Zu diesem Zeitpunkt war die Datenlage jedoch noch weitaus dürftiger als heute. Dennoch wurde in Rio die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen verabschiedet. Dabei verständigten sich die teilnehmenden Länder auf das Ziel, das Weltklima besser zu schützen. Zudem sollte ein Instrumentarium geschaffen werden, mit dessen Hilfe dieses Ziel realisiert werden sollte. In den Folgejahren wurden regelmäßig UN-Klimakonferenzen abgehalten, ohne dass es allerdings entscheidende Fortschritte im Kampf gegen die globale Erwärmung gegeben hat. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem 1997 verabschiedeten Kyoto-Protokoll zuteil. Neben der ersten konkreten Übereinkunft über eine Reduktion des globalen Treibhausgasausstoßes vereinbarten die Unterzeichner die Einführung eines neuen ökonomischen Instrumentariums. Fortan sollten internationale Klimaschutzziele in erster Linie auf Grundlage handelbarer CO2[12]-Zertifikate realisiert werden. Allerdings gelten die Vereinbarungen von Kyoto als gescheitert, da wichtige Länder das Abkommen nicht ratifizierten (USA) oder ausgestiegen sind (u. a. Russland, Japan).

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Quellen: Germanwatch/EIA, Der Klimaschutz-Index 2017

Abb. 1.4: Länder mit den weltweit höchsten CO2-Emissionen (2016)

2015 wurde auf dem Pariser Klimagipfel ein neuer Versuch unternommen, ein internationales Klimaschutzabkommen zu verabschieden. Die 196 Unterzeichnerstaaten setzten sich zum Ziel, die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf „weit unter“ zwei Grad zu begrenzen. Zu diesem Zweck soll bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts ein Gleichgewicht zwischen menschlich verursachten CO2-Emissionen und der CO2-Bindung in Senken hergestellt werden. Die Netto-Emissionen würden ab 2050 dann null betragen. Anders als im Kyoto-Protokoll, als verbindliche Minderungsquoten vereinbart wurden, einigten sich die Teilnehmer dieses Mal auf – umstrittene – freiwillige Klimaschutzzusagen, die im Rahmen eines vereinheitlichten Berichtswesens regelmäßig überprüft und angepasst werden sollen. Die EU hat beispielsweise zugesagt, ihre Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu verringern. Dabei ist jedes Land prinzipiell frei in der Wahl seiner Mittel, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Vom Klimawandel besonders betroffenen Ländern soll von den wohlhabenderen Industrieländern finanziell geholfen werden. Dafür sollen ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar bereitgestellt werden. Das Klimaschutzabkommen tritt in Kraft, wenn mindestens 55 Staaten mit einem Anteil von mindestens 55 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen ratifiziert haben.[13]

Wie nicht anders zu erwarten, wird das Abkommen in Fachkreisen sehr unterschiedlich beurteilt. Ob es sich hierbei um einen Meilenstein der internationalen Klimapolitik handelt, wie manche konstatieren, dürfte sich erst in einigen Jahrzehnten überprüfen lassen.

Für das Bankgeschäft und speziell für das Vermögensmanagement dürften im Zusammenhang mit dem Klimawandel folgende Fragenkomplexe wichtig bleiben:

Literatur

Bals, Chr./Kreft, S./Weischer, L. (2016): Wendepunkt auf dem Weg in eine neue Epoche der globalen Klima- und Energiepolitik – Die Ergebnisse des Pariser Klimagipfels COP 21, herausgegeben von Germanwatch, Berlin. (www.germanwatch.org/de/11492).

Endres, A. (2017): Grundlagen der Treibhausökonomie, in: WiSt, Heft 4, April 2017, S. 23–29.

Ifo Schnelldienst (2016) Anspruch und Wirklichkeit: Kann das Pariser Klimaabkommen funktionieren? Zur Diskussion gestellt (u. a. mit Beiträgen von Weimann, J./Pethig, R.), in: ifo Schnelldienst 3/2016 vom 11. Februar 2016, S. 3–29.[15]

IPCC (2014): Fünfter Sachstandsbericht des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC), Bonn.

1.3   Digitalisierung

Im engeren Sinne ist unter Digitalisierung die Transformation analoger in digitale Daten zu verstehen. Inzwischen wird der Begriff sehr viel weiter definiert. Er umfasst den durch das Internet jederzeit möglichen Zugriff auf Daten ohne zeitliche und räumliche Grenzen. Damit sind unter anderem Entwicklungen wie Big Data, Cloud Computing, die Nutzung mobiler Endgeräte sowie künstliche Intelligenz verbunden. Die Digitalisierung ist nach Meinung vieler Experten eine der größten Umwälzungen – vielleicht sogar die größte – der Wirtschaftsgeschichte überhaupt. Praktisch jeder Lebensbereich der modernen Gesellschaft ist davon betroffen: Ob die Verknüpfung industrieller Fertigung mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (Industrie 4.0), ob die Entstehung neuer Produkte (wie 3-D-Druckern, E-Books) oder Fertigungsverfahren (on demand), ob neue Vertriebsformen (Online-Handel), ob Veränderungen in der Arbeitswelt – die Digitalisierung kennt keine Grenzen. Speziell aus volkswirtschaftlicher Sicht sind ausgewählte Entwicklungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) von besonderem Interesse, auf die im Folgenden kurz eingegangen werden soll.

Die großen Veränderungen in der Arbeitswelt stellen für den Staat eine große Herausforderung dar. Dies betrifft nicht nur das angesprochene Verteilungsthema. Neben Fragen der Bildung und Qualifizierung der Beschäftigten steht besonders die Finanzierung des Sozialstaats auf dem Prüfstand. Das klassische Arbeitsverhältnis, auf dem der heutige Sozialstaat fußt, ist auf dem Rückzug. Stattdessen gewinnen Freelance- und Crowd-Working-Beschäftigungen, die weder unbefristet noch sozialversicherungspflichtig sind, verstärkt an Bedeutung. Diskussionen um die unter anderem von Microsoft-Gründer Bill Gates vorgeschlagene Robotersteuer oder die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen dürften vor diesem Hintergrund erst der Anfang sein.[17]

Die Digitalisierung krempelt Wertschöpfungsketten und Geschäftsprozesse in vielen Branchen komplett um. Um ein Beispiel zu nennen: Zu den Hochzeiten der analogen Fotografie hatte der Weltmarktführer Kodak mehr als 100.000 Beschäftigte. Die Digitalfotografie hat Kodak förmlich vom Markt gefegt. Plattformen wie Instagram haben seine Nachfolge angetreten. Airbnb mischt derzeit die Hotelbranche auf, Uber das Taxigewerbe. Die Liste mit Beispielen ließe sich fast beliebig verlängern. Auch die Finanzbranche befindet sich mitten in einem fundamentalen Umbruch. Die alt eingesessenen Banken und Sparkassen sehen sich mit wachsender Konkurrenz von Start-ups – sogenannten Fintechs – konfrontiert. So bietet der mit Vollbanklizenz ausgestattete Angreifer N26 die Abwicklung des Girokontos vollständig per App an. Auxmoney vermittelt Privatkredite übers Internet, Billpay offeriert Zahlungen auf Rechnung und Raten online an, Liquid ist eine rein digitale Vermögensverwaltung, usw. Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz durch bereits etablierte Bezahldienste wie Paypal. Die traditionellen Kreditinstitute reagieren darauf zwar mit eigenen Online-Angeboten, scheinen dabei aber immer mindestens einen Schritt hinter den agilen Wettbewerbern im Netz zu liegen. Eine Reihe von Banken nimmt dies zum Anlass, sich direkt an Start-ups zu beteiligen. Eine weitere Reaktion auf die Digitalisierung ist die Ausdünnung der Filialnetze, begleitet von einem spürbaren Personalabbau in der Branche. Spannend für die gesamte Branche dürfte auch werden, wenn Plattformen wie Facebook den Ausbau von Bezahlmöglichkeiten zwischen den Nutzern weiter forcieren.[18]

Die durch die Digitalisierung ausgelösten Veränderungen in den Geschäftsmodellen sind untrennbar mit der zentralen Rolle von Plattformen verbunden. Eine Plattform ist ein Intermediär, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt. So werden beispielsweise auf einer Immobilienplattform Kaufgesuche und Verkaufsangebote gestellt. Die Plattform wird von einem Dritten betrieben, der von den Nutzern eine Gebühr abverlangt. Eine solche Plattform ermöglicht positive Netzwerkeffekte. Ein Nutzer profitiert umso stärker davon, je mehr Teilnehmer die jeweils andere Marktseite umfasst. Für eine Plattform ist es vor allem für die Gewinnung von Neukunden entscheidend, eine kritische Masse zu erlangen.

Auch ein Wochenmarkt für Obst und Gemüse ist im weitesten Sinne eine Plattform. Weshalb aber speziell digitale Plattformen wie Amazon so bedeutend sind, hängt unmittelbar mit der Herrschaft über die Daten zusammen. Plattformen kennen alle relevanten Größen auf Seiten der Verkäufer. Sie wissen aber auch Bescheid über Konsum- und Bezahlgewohnheiten der Käufer. Eine Plattform zerreißt förmlich das direkte Band zwischen Angebot und Nachfrage. Da auf Dauer meist nur eine monopolistische Plattform in einem Markt übrig bleibt, kann diese Preise sowie Konditionen bestimmen und sich so einen erheblichen Teil der gesamten Wertschöpfung aneignen. Verlierer dieser digitalen Transformation sind zum einen die Hersteller realer Produkte, die gewissermaßen nur noch eine Hülle produzieren, die mit Daten der Plattformen gefüllt werden. Hier droht speziell für eine produzierende Volkswirtschaft wie die deutsche die Gefahr, gegenüber den Plattformbetreibern, die vorwiegend aus den USA stammen, ins Hintertreffen zu geraten. Verlierer könnten aber auch die Konsumenten sein, die durch das allumfassende Wissen der Plattformen regelrecht ausgebeutet werden können. Auf den Einzelnen zugeschnittene Preise, wie sie heute schon von Buchungsportalen für Flugreisen praktiziert werden, schöpfen die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager regelrecht ab. Oder in der Sprache der Mikroökonomie: Sie vereinnahmen die Konsumentenrente vollständig.[19]

Wenn die Zahl der Nutzer auf einer Plattform einen Wert an sich für alle potenziellen Nutzer darstellt, ergibt sich daraus eine inhärente Tendenz zur Größe. Ökonomen sprechen von Netzwerkeffekten. Oder anders formuliert: Je mehr Menschen eine Plattform nutzen, umso nützlicher ist sie für alle. Es gibt eine sogenannte positive Rückkopplung. Neukunden streben deshalb zu den größten Anbietern, selbst wenn sie nicht den niedrigsten Preis verlangen und die beste Qualität liefern. Da gilt zwar auch für analoge Märkte. Da aber im Internet die Dimensionen Zeit und Raum faktisch aufgehoben sind, ist dieser Effekt in der Digitalwirtschaft noch viel ausgeprägter. Ob Amazon, Facebook, Apple oder Uber – in der digitalen Ökonomie wimmelt es angeblich nur so von Monopolisten oder Quasi-Monopolisten. Durch den erwähnten Rückkopplungseffekt werden aus Marktführern häufig Marktbeherrscher. Wer bei Google den Such-Algorithmus in Anspruch nimmt, hinterlässt Spuren. Diese Spuren befähigen die Suchmaschine, bei jeder weiteren Suchanfrage aufgrund des Lerneffektes eine erhöhte Trefferquote zu liefern. Das führt dazu, dass die Kunden zu den Größten der Branche strömen. Wenig überraschend: Google hat bei der Internetsuche in Deutschland einen Marktanteil von 95 Prozent. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Google die Theorien zu Netzwerkeffekten der Ökonomieprofessoren Carl Shapiro und Hal Varian eins zu eins auf die eigene Strategie übertragen haben.[20]

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Quelle: SEO-united.de – Suchmaschinenverteilung Deutschland März 2016

Abb. 1.5: Marktanteile von Suchmaschinen in Deutschland (2014–2016)

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Clement, R./Schreiber, D. (2016): Internet-Ökonomie. Grundlagen und Fallbeispiele der vernetzten Wirtschaft, 3. Auflage, Berlin/Heidelberg.

(2013): The future of employment: how susceptible are jobs to computerization? Oxford.

(2015): Sondergutachten 68: Wettbewerbspolitik: Herausforderung digitale Märkte, Bonn.

(1999): Online zum Erfolg: Strategie für das Internet-Business, München (Original: Information Rules: A Stratetic Guide tot he Network Economy).

1.4   Demografischer Wandel und Migration

Schon Thomas Malthus (1766–1834), klassischer Ökonomen und Zeitgenosse von Adam Smith oder David Ricardo, beschäftigte sich in seinem bekanntesten Werk Essay on the Principle of Population (1798) mit den volkswirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels. Er sah in der Überbevölkerung eines der Hauptprobleme einer sich entwickelnden Volkswirtschaft. Malthus ging davon aus, dass die (lineare Zunahme der) Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem (exponentiellen) Bevölkerungswachstum Schritt halten könne. Erhebliche soziale Probleme seien die Folge. In der Tat war das rasche Bevölkerungswachstum („Bevölkerungsexplosion“) und seine Folgen lange Zeit das beherrschende Thema in der Demografie. Dies ist wenig überraschend, wenn man sich folgende Zahlen vor Augen hält: Die Weltbevölkerung erreichte etwa um 1805 die erste Milliarde, 1926/27 die zweite, 1960 die dritte, 1974 die vierte, 1987 die fünfte und 1999 die sechste Milliarde. 2016 betrug sie rund 7,5 Milliarden Menschen. Die Dynamik hat zwar inzwischen etwas nachgelassen, nach wie vor liegt aber die jährliche globale Bevölkerungszunahme bei rund 1,2 Prozent. 2050 dürften dann 9,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Etwa im Jahr 2070 sollte die Weltbevölkerungsentwicklung dann ihren Scheitelpunkt erreicht haben, wobei der Zuwachs gegenüber heute fast ausschließlich auf die Schwellen- und Entwicklungsländer entfällt. Auf die heutigen Industrieländer entfallen dann noch knapp zehn Prozent der Weltbevölkerung. Ab 2070 beginnt die Weltbevölkerung in Folge sinkender Geburtenraten dann langsam zu schrumpfen.[23]

Die Größe und Struktur der Bevölkerung einer Region oder eines Landes hängen dabei in erster Linie von folgenden Faktoren ab:

Quelle: Verband der Ersatzkassen, Daten zum Gesundheitswesen – Bevölkerung; Statistisches Bundesamt: 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Abb. 1.6: Voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung in Deutschland (2013–2060)

In diesem Zusammenhang stellt sich eine ganze Reihe von Fragen, welche die generelle Bedeutung und speziell die ökonomische Dimension des demografischen Wandels für die Industrieländer erahnen lassen:

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Literatur

(2015): Die alternde Republik und das Versagen der Politik, Berlin.

(2016): Die sechs Denkfehler der deutschen Flüchtlingspolitik, in: Wirtschaftswoche 4/2016 vom 22.10.2016, S. 35.

(2016): Demografie und Arbeitsmarkt, in Wirtschaftsdienst 3/2016, S. 220–222.

(2015): World Population Prospects: The 2015 Revision, Volume II: Demografic Profiles.