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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

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Print:ISBN: 978-3-7910-4150-6Bestell-Nr.: 10269-0001
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Februar 2018

Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Ein Tochterunternehmen der Haufe Gruppe

Vorgeschichte

Im Mai 2015 bereiten die Chefs der Deutschen Bank die Hauptversammlung der Aktionäre vor, als wäre nichts geschehen. „Der hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass die Uhr tickt“, erinnert sich ein Großinvestor an ein Gespräch mit Vorstandschef Anshu Jain, „der erzählte uns dieselben substanzlosen Erfolgsgeschichten wie seit Jahren und merkte nicht, dass ihm das niemand mehr abkauft.“[2]

Anshu Jain

Mangelndes Selbstbewusstsein hat dem Briten Anshu Jain noch niemand vorgeworfen. Sein Auftritt vor und bei der Hauptversammlung signalisierte viel Schlimmeres: Mangel an Urteilskraft. Schon immer hatte er übersehen, dass es unklug war, als Chef der Deutschen Bank allem Deutschen Desinteresse entgegenzubringen. Im Mai 2015 kommt es dicker: Jain nimmt nicht wahr, dass sein Haus lichterloh brennt. Er merkt nicht, dass seine inhaltsleeren Prognosen niemand mehr hören will.

Die Hauptversammlung gerät für Jain zum Desaster. Seine Widersacher im Vorstand werden eifrig beklatscht. Er selbst muss sich harte Kritik anhören – nicht nur von aufgebrachten Kleinaktionären, sondern vor allem von den Profis im Saal: Sprecher der Aktionärsvereinigungen, Fondsmanager, Aktionärs-Consultants. Jain und sein Co-Vorstandsvorsitzender Jürgen Fitschen werden mit mickrigen 61 Prozent entlastet.

Zwei Wochen hält sich die alte Riege noch, dann ist Schluss. Offiziell spricht die Bank davon, Jain habe sich entschieden, seinen Posten niederzulegen. Das wäre das Handeln eines gescheiterten Ehrenmannes. Doch dafür hätte Jain seinen Anstellungsvertrag und seine Vorstandsbestellung kündigen müssen. Das wäre eine schlechte Verhandlungsposition für Abstandszahlungen gewesen. Man hat schließlich nichts zu verschenken.

Tatsächlich befasst sich der Chef der Deutschen Bank (Tagesgehalt: 10.500 Euro) während seiner letzten Wochen hauptsächlich damit, die Taschen auch fürderhin gefüllt zu bekommen. Jain handelt für Räumung seines Vorstandsbüros zum 30. Juni 3,7 Millionen Euro aus, plus Sekretariat und Dienstwagen. Für die flotten Verhandlungen binnen weniger Tage bringt Jain Kohorten hoch qualifizierter Anwälte gegen seinen Arbeitgeber in Stellung. Ihnen gegenüber sitzt ein Aufsichtsrat, der nur noch eines will: Es sei endlich Schluss! Koste es, was es wolle. So stimmt die Bank zu, auch Jains Rechtsanwälte zu bezahlen: rund gerechnet 382.000 Euro. Exakt lässt sich Jain noch 8,45 Euro extra auszahlen – es soll ja alles seine Richtigkeit haben. Auch an den Steuerberater denken der scheidende Bankchef und seine Anwälte. Der Aufsichtsrat schluckt auch das: Private Steuerberatung in Zusammenhang mit dem millionenschweren Ausscheiden Jains? Wenn Vorstände gehen sollen, wird gern gezahlt. Typisch für die Deutsche Bank.[3]

Der Bank scheint es wie ein böses Gewitter, was in Person von Vorstandschef Anshu Jain zwischen 2012 und 2015 über ihr gehangen hatte. Gedankenreich und tatenarm hatte das Top-Management wenig vorangebracht.

Die Deutsche Bank nach der Bankenkrise

Die Deutsche Bank war so schön durch die Welt-Bankenkrise von 2008/2009 gekommen. Gewiss, im Jahr 2008 hatte es 3,9 Milliarden Euro Verlust gegeben, aber was war das schon für ein starkes Haus angesichts der Pleitewelle, die in Europa und den USA die Branche erfasst hatte?

Der damalige Chef Josef Ackermann beriet seinerzeit die Kanzlerin, konferierte nächtelang mit Bundesbankpräsident, Aufsichtsbehördenchefs und Spitzenpolitikern: Wie kriegen wir das deutsche Finanzwesen in ruhiges Fahrwasser? Die Deutsche Bank half, angeschlagene deutsche Banken zu retten. Im eigenen Geschäft gab es Dellen, aber keine Krisen. Während ringsum reihenweise halbstaatliche Landesbanken, eine Tochter der staatlichen KfW, eine große Genossenschaftsbank strauchelten, stand die Deutsche Bank gut da.[4]

Nach der Krise war das Management der Meinung, nun gehe es weiter wie zuvor: Komplexe Dienstleistungen im Handel mit Wertpapieren für teuer Geld verkaufen, eine mäßige staatliche Aufsicht hinnehmen, wachsen, blühen und gedeihen. Die Mottos der Jahresberichte spiegeln die Haltung beispielhaft. 2008: „Krise als Chance nutzen“, 2009: „Gestärkt in eine neue Zeit“, 2010: „Erfolgreich in unsicheren Zeiten“.

Doch die Wirtschaft war tief verunsichert. Was heute fast vergessen ist: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt war 2009 um 5,6 Prozent eingebrochen. Investitionen? Lieber mal abwarten! Folge: Das Kreditgeschäft der Banken blieb mau. Und auch nach internationaler Beratung für tolle Deals gab es kaum Nachfrage. Gleichzeitig blieben die Kosten der Deutschen Bank hoch. Teuer bezahlte Spezialisten wurden beschäftigungslos an Bord gehalten.

Die Mottos der Jahresberichte zeigen zwar, dass Wandel im Umfeld wahrgenommen wurde. Er sollte aber nicht zu Wandel in der Bank führen. 2011: „Mehrwert schaffen in neuem Umfeld“, 2012: „Stabilität in Zeiten des Wandels“, 2013: „Die Bank der Zukunft gestalten“, 2014: „Stärken nutzen, Herausforderungen meistern, Vertrauen mehren“.[5]

Nach der Bankenkrise begannen Politik und öffentliche Verwaltung, sich für das Bankwesen zu interessieren. Was vorher Sache von Sozialkundelehrern und Linkskatholiken war, drang nun tief in bürgerliche Kreise ein: Die Diskussion um Sinn und Unsinn modernen Bankings. Politik und Öffentlichkeit hatten bittere Erfahrungen gemacht: „Wir haben die Banken in der Stunde der Not mit öffentlichem Geld retten müssen.“ Das möge doch bitte nie wieder geschehen. Also wurden die Regeln für Banken immer weiter verschärft, die Staatsaufsicht strenger.

In der Deutschen Bank hatte dafür kaum jemand Verständnis. „Wir wissen, wie das Geschäft geht“, „Wir sind wichtig für die Volkswirtschaft“, „Wir haben vom Staat kein Geld bekommen (und damit geht den Staat unser Geschäft auch nichts an)“. Mit dieser Haltung trat die Deutsche Bank jahrelang Regulatoren und Aufsehern gegenüber, versprach mal dieses, sagte mal jenes zu – und hielt sich an wenig.

„Das illegale Gebaren der Deutschen Bank umfasst nahezu eine Dekade des Lügens, Betrügens und Stehlens.“ Diese Äußerung von Kara M. Stein, Vorstandsmitglied der amerikanischen Börsen- und Wertpapieraufsicht SEC, ist zwar eine recht drastische Einzelmeinung. Sie illustriert aber, wie die Stimmung im Mai 2015 bei Behörden war.

Der dicke Laster „Deutsche Bank“ war unter Anshu Jain in eine dunkle Sackgasse gefahren. Weit und breit war niemand, der Licht einschalten wollte oder beim Manövrieren helfen mochte.[6]

Man darf sich den Aufsichtsrat nach der Hauptversammlung am 21. Mai 2015 als ratlos vorstellen. Jain war weg. Was nun? Wer jetzt? Woher nehmen? Nicht minder wichtig: Wenn wir jetzt nicht ein überzeugendes neues Management finden, ist es bald auch mit unseren schönen Posten vorbei.