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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Print: ISBN 978-3-7910-4433-0 Bestell-Nr. 11446-0001
ePub: ISBN 978-3-7910-4434-7 Bestell-Nr. 11446-0100
ePDF: ISBN 978-3-7910-4435-4 Bestell-Nr. 11446-0150

Peter Seppelfricke

Unternehmensanalysen

1. Auflage, März 2019

© 2019 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH

www.schaeffer-poeschel.de

service@schaeffer-poeschel.de

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Produktmanagement: Frank Katzenmayer

Lektorat: Adelheid Fleischer

Satz: Konvertus BV, Haarlem

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart

Ein Unternehmen der Haufe Group

[7]Vorwort

Die Idee zu diesem Buch entstand während meiner praktischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Thema Unternehmensbewertung. Man stellt fest, dass die Implementierung geeigneter Bewertungsverfahren vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch nimmt. Die meiste Zeit (ca. 90 Prozent) verbringt man regelmäßig damit, das Bewertungsobjekt eingehend zu analysieren und dessen zukünftige Erfolge zu prognostizieren.

Aber auch bei anderen Fragestellungen ist die Prognose der zukünftigen Erfolge von Unternehmen von großer Bedeutung. Im Rahmen von Finanzplanungen bildet die Prognose das Fundament für wichtige Investitions- und Finanzierungsentscheidungen des Unternehmens. Die Vergütung von Managern wird ebenfalls an zukünftigen Erfolgen festgemacht und nicht zuletzt beeinflussen Erfolgsprognosen auch maßgeblich die Ratingnoten von Ratingagenturen oder Banken.

Trotz der enormen Bedeutung der Erfolgsprognose für viele Fragestellungen ist die Anfertigung von systematischen Vorhersagen bisher kaum Gegenstand der einschlägigen Literatur oder von Lehrplänen an Hochschulen. Dieses Buch stellt deshalb einen Versuch dar, diese Lücke zu schließen. Es soll detailliert aufgezeigt werden, wie schlüssige und konsistente Planungen vorgenommen werden können.

Praxisbezug und Problemorientierung stehen im Vordergrund der Ausführungen. Das vorliegende Buch richtet sich damit an alle Personen, die sich im Rahmen ihrer Berufsausbildung und/oder beruflichen Tätigkeit mit den Themen Unternehmensanalyse bzw. Erfolgsprognose befassen müssen. Das Buch soll Analysten und M&A-Berater im Investmentbanking, Wirtschaftsjournalisten, (angehende) Wirtschaftsprüfer sowie Finanz- und Investor-Relations-Fachleute bei Unternehmen ansprechen. Da diese Themen vielfach auch Lehrstoff an Hochschulen sind, hoffe ich auch, einen Beitrag für interessante und praxisnahe Lehrveranstaltungen zu geben.

Bei der Anfertigung des Buches haben mir zahlreiche Personen geholfen. Ich danke meinem Mitarbeiter Thorben Hinderks für wertvolle Arbeiten bei der Erstellung von Spreadsheets. Adelheid Fleischer und Frank Katzenmayer vom Verlag Schäffer Poeschel danke ich dafür, dass sie geduldig alle meine Änderungswünsche umgesetzt haben. Bei meiner Ehefrau Helena Seppelfricke und meinem Schwiegervater Prof. Dr. Dimitris Maretis bedanke ich mich dafür, dass sie die mühevolle Arbeit des Korrekturlesens mit großer Sorgfalt durchgeführt haben.

Osnabrück, im November 2018

Prof. Dr. Peter Seppelfricke

[9]Autor

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Prof. Dr. Peter Seppelfricke verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Analyse und Bewertung von Unternehmen. Er hat viele Jahre sowohl für die Sell-Side (Analyst von Banken) als auch für die Buy-Side (Vorstand Family Office, Koordinator Research eines internationalen Aktienfonds) Aktien analysiert. Prof. Seppelfricke hat einen Lehrstuhl für Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Dabei bildet er angehende Wirtschaftsprüfer im Fach Unternehmensbewertung aus. Zudem gibt er regelmäßig Seminare für Führungskräfte in der Analyse und Bewertung von Unternehmen. Für Amts- und Landgerichte ist er ist als Gutachter für Unternehmensbewertungen tätig.

[11]1 Einleitung

Hol mir ma ›ne Flasche Bier, sonst streik‹ ich hier.

Gerhard Schröder

Die Bierbranche bot bisher ein erstaunlich stabiles Geschäftsmodell. Unter den 50 ältesten Unternehmen in Deutschland befinden sich 36 Brauereien.1 Die älteste Unternehmensgründung fand vor etwa 1000 Jahren in Bayern statt: Die bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan wurde im Jahre 1040 in Freising bei München gegründet. Der dauerhafte Bestand dieser Brauereien ist sehr ungewöhnlich, denn das Durchschnittsalter deutscher Unternehmen beträgt nur etwa 8-10 Jahre.2 Von den 30 ursprünglich gelisteten Unternehmen im DAX (bei Auflage im Juli 1988) sind heute lediglich 14 übrig!

Schumpeter hat das Wirtschaftsgeschehen deshalb schon früh als Prozess der schöpferischen Zerstörung beschrieben.3 Einfallsreiche Unternehmer treiben durch ihre Ideen beständig den Fortschritt an. Diese Innovationen bedrohen unaufhörlich die bestehenden Strukturen und werden früher oder später die vorhandenen Unternehmen zerstören (z. B. Karstadt, Philipp Holzmann, Agfa oder Air Berlin). Auch bei vielen Brauereien macht sich aktuell Ernüchterung breit: Die junge Generation konsumiert deutlich weniger Bier und es ist nicht garantiert, dass dieses Geschäftsmodell auch die nächsten 1000 Jahre überdauern wird.

Die permanenten Veränderungen in der Wirtschaft werfen viele Fragen auf. Welche Aktivitäten werden sich als aussichtsreich erweisen? Warum können einige Unternehmen erfolgreicher wirtschaften als andere? Welche Geschäfte sind möglicherweise bedroht? Die Beantwortung dieser Fragen ist für viele Sachverhalte und Personen von zentraler Bedeutung.

1.1 Adressaten der Erfolgsprognose

Es gibt zahlreiche Personen oder Gruppen, die ein großes Interesse an der Entwicklung eines Unternehmens haben. Diese bezeichnet man als Stakeholder (Anspruchsgruppen; [12]Betroffene). Es lässt sich dabei zwischen internen Betroffenen (Eigentümer, Manager, Mitarbeiter) und externen Betroffenen (Lieferanten, Kreditgeber, Kunden, Gesellschaft) unterscheiden. Allen Stakeholdern ist gemein, dass die Erfüllung ihrer Erwartungen von der Ertragskraft des Unternehmens abhängt. Als Ertragskraft bezeichnet man die Fähigkeit eines Unternehmens, nachhaltig erfolgreich zu wirtschaften. Eine Übersicht gibt Abbildung 1.1.

Es wird deutlich, dass die Stakeholder ein vielfältiges Interesse an der Entwicklung »ihres« Unternehmens haben. Die Zahlungen an Eigentümer (Ausschüttungen), an Fremdkapitalgeber (Zinsen und Tilgung) und an den Staat (Steuern) bemessen sich an der Ertragskraft. Für Mitarbeiter und Manager entscheiden die zukünftigen Erfolge über ihre Perspektiven im Unternehmen (Gehälter, Aufstiegsmöglichkeiten und Arbeitsplatzsicherheit). Nicht zuletzt profitieren auch Kunden (mittels attraktiver Produkte) sowie die gesamte Gesellschaft (mittels Sponsoring) von gesunden Unternehmen.

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Abb. 1.1: Stakeholder des Unternehmens (Quelle: Eigene Darstellung)

[13]1.2 Einsatzfelder der Erfolgsprognose

Die Erfolgsprognose ist bei verschiedenen Fragestellungen relevant. In den unterschiedlichen Einsatzfeldern spiegeln sich die Interessen der einzelnen Anspruchsgruppen.

1.3 Ablauf der Prognose

Trotz der enormen Bedeutung der Erfolgsprognose für viele Fragestellungen ist die Anfertigung von systematischen Vorhersagen bisher kaum Gegenstand der einschlägigen Literatur oder von Lehrplänen an Hochschulen. Dieses Buch stellt deshalb einen Versuch dar, diese Lücke zu schließen. Es soll detailliert dargelegt werden, wie schlüssige und konsistente Planungen vorgenommen werden können.

Zu diesem Zweck werden in Kapitel 2 zunächst die Möglichkeiten der Finanzanalyse dargestellt. Im Rahmen von Finanzanalysen werden die veröffentlichten Zahlen aus der [14]Rechnungslegung des Unternehmens ausgewertet. Die Rechnungslegung ist die Sprache, mit der ein Unternehmen regelmäßig mit seinen Stakeholdern kommuniziert. Für eine qualifizierte Erfolgsprognose ist es deshalb unabdingbar, diese Ausdrucksform zu verstehen. Die Analyse von Daten aus der Rechnungslegung offenbart die aktuelle Erfolgs- und Liquiditätslage eines Unternehmens. Die Aufspaltung von Erfolgen in verschiedene Bestandteile legt zudem wichtige Quellen des Erfolgs offen.

Merke

Die Analyse historischer Daten im Rahmen von Finanzanalysen bilden die Grundlage für Erfolgsprognosen. Eine ausschließliche Auswertung von Daten aus der Vergangenheit reicht jedoch für eine überzeugende Prognose nicht aus. Die wäre vergleichbar mit der Kursprognose für ein Schiff, bei welcher man lediglich nach achtern schaut. Wenn sich die Rahmenbedingungen (Wind, Drift, Schiffsverkehr etc.) nicht verändern, so wird sich der bisherige Kurs wohl fortsetzen. Verantwortungsvolle Kapitäne schauen aber auch bis zum Horizont nach vorne, nehmen Veränderungen im Umfeld frühzeitig wahr und passen ggf. den Kurs an.

Für gehaltvolle Erfolgsprognosen müssen deshalb auch eingehend Marktentwicklungen und die strategische Positionierung in diesem Umfeld untersucht werden. Die Analyse des Marktes und der Strategien eines Unternehmens sind Gegenstand von Kapitel 3. Diese Betrachtungen offenbaren die künftigen Erfolgspotenziale eines Unternehmens.

Die verschiedenen Analysen machen deutlich, dass die Erfolge eines Unternehmens simultan von zahlreichen internen und externen Einflüssen geprägt werden. Dabei ist die Erfolgsprognose nicht nur kompliziert, sie ist komplex. In einem komplizierten System bestehen eindeutige Ursache-Wirkung-Zusammenhänge. Diese sind zwar häufig schwer nachzuvollziehen, können aber grundsätzlich erfasst werden. In komplexen Umgebungen bestehen dagegen vielfach kaum vorhersehbare Wechselwirkungen. Ursache ist häufig Wirkung, Wirkung regelmäßig auch Ursache – und kleinste Veränderungen können stabile Systeme schnell zerstören.

BEISPIEL

Handelspolitik USA

Aufgrund von Ungleichgewichten in der Handelsbilanz hat US-Präsident Trump viele chinesische Produkte mit Zöllen belegt. Die Chinesen begreifen die Zölle eher als Ursache, die Amerikaner eher als Wirkung des Handelskonfliktes. Die Einführung dieser Zölle verursacht weltweit eine kaum vorhersehbare Umlenkung von Handelsströmen. Die Absatzpreise und Ertragsaussichten zahlreicher Branchen können unter Druck geraten. Darüber hinaus lässt sich kaum absehen, ob und wie China oder andere Länder mit Gegenmaßnahmen reagieren [15]werden. Akzeptieren die Chinesen die Zölle weitgehend klaglos, so werden sich die Auswirkungen auf den Welthandel wohl in Grenzen halten. Werden dagegen drastische Gegenmaßnahmen ergriffen, so können die US-Zölle auch in einen weltumspannenden Handelskrieg münden. Das fragile System Welthandel könnte erheblich destabilisiert werden.

Es wird deutlich, dass es aufgrund der zahlreichen Unwägbarkeiten keine perfekte Erfolgsprognose geben kann. Eine Prognose dürfte aber umso verlässlicher sein, je mehr die Vorhersage durch kenntnisreiche Analysen vom Markt und vom Unternehmen untermauert wird. In Kapitel 4 soll aufgezeigt werden, wie sich die Analysen in schlüssigen und konsistenten Planungsrechnungen verdichten lassen.

Merke

Die Erstellung von Prognosen kann mit der Anfertigung eines Mosaiks verglichen werden. Die verschiedenen Analysen gleichen einzelnen Mosaiksteinen. Solange nur vereinzelt Steine auf dem Tisch liegen, kann man kein Muster erkennen. Mit der zunehmenden Anzahl von Analysen fügen sich die Teile ineinander und es kann ein stimmiges Bild herausgearbeitet werden.


1 Dies ergibt sich aus den Archiven des Wirtschaftsinformationsdienstleisters Hoppenstedt.

2 Zu diesem Ergebnis kommen Forschungen an der Universität Rostock. Es wurden dabei Daten zu Firmeninsolvenzen des Bundesfinanzministeriums ausgewertet. (Quelle: https://www.uni-rostock.de/nd/universitaet/aktuelles/pressemeldungen/detailansicht/n/wie-alt-werden-unternehmen-in-deutschland-4041 ; 30.10.2018)

3 Sein frühes Werk findet man unter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus, 8. Auflage 1997. Es wurde erstmalig 1911 verfasst.

[17]2 Finanzanalysen (Vergangenheitsanalysen)

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

Quelle unbekannt; häufig Mark Twain zugeschrieben

2.1 Ausgangspunkt Konzernabschluss

Bei vielen Unternehmen handelt es sich um Konzerne, also einen Verbund mehrerer Einzelunternehmen unter einer Konzernmutter. Der Konzernabschluss ist der wichtigste Bezugspunkt der Unternehmensanalyse. Das Mutterunternehmen kann beherrschenden Einfluss auf die zum Konzern gehörenden Tochterunternehmen ausüben. In der Folge haben die Einzelabschlüsse der Unternehmen regelmäßig eine geringere Aussagekraft. Die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Konzerns wird durch einen Konzernabschluss transparenter und verlässlicher dargestellt.

Die einzelnen Abschlüsse der Tochterunternehmen und des Mutterunternehmens werden zunächst zu einem Zahlenwerk summiert, anschließend die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Konzernunternehmen eliminiert. Der Konzernabschluss ist so darzustellen, als ob der Konzern ein einheitliches Unternehmen wäre (Einheitsfiktion).

BEISPIEL

Konsolidierungen

Gewährt eine Untergesellschaft einer anderen einen Kredit, so entsteht innerhalb des Konzerns sowohl eine Forderung als auch eine Verbindlichkeit. Der Konzernabschluss blendet diese Verflechtungen aus und gibt damit einen transparenteren Einblick in die Vermögenslage. Die separate Betrachtung verschiedener Einzelabschlüsse würde diese Überschneidung nicht erkennen lassen.

2.2 Konzernabschlüsse nach HGB, IFRS und US-GAAP

Bis zur Jahrtausendwende bilanzierten die meisten börsennotierten Unternehmen in Deutschland nach den Vorschriften des Handelsgesetzbuchs, kurz HGB. Um Konzernabschlüsse europaweit besser vergleichbar zu machen, wurde von der EU beschlossen, dass alle Abschlüsse kapitalmarktorientierter Unternehmen ab dem [18]1. Januar 2005 zwingend nach den Vorschriften der International Financial Reporting Standards (IFRS) aufgestellt werden müssen. Kapitalmarktorientierte Unternehmen gemäß den IFRS sind Mutterunternehmen, deren Wertpapiere (Aktien und/oder Schuldverschreibungen) zum Handel an einem organisierten Markt innerhalb der EU zugelassen sind.

Für alle anderen Konzernabschlüsse und den Einzelabschluss können die EU-Mitgliedstaaten dagegen selbst entscheiden, inwieweit sie auch eine Bilanzierung nach IFRS vorschreiben bzw. zulassen. In Deutschland wurde durch das Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG) die IAS-Verordnung in deutsches Recht umgesetzt. Nicht-kapitalmarktorientierte Muttergesellschaften dürfen ihren Konzernabschluss wahlweise nach den nationalen Vorschriften des HGB oder nach den IFRS aufstellen. Aufgrund der Ausschüttungsbemessungsfunktion sowie der Maßgeblichkeit des handelsrechtlichen Jahresabschlusses für die Steuerbilanz müssen deutsche Unternehmen jedoch immer noch einen HGB-Jahresabschluss anfertigen.

Ein typischer Konzernabschluss in Deutschland enthält die folgenden Bestandteile:

Das Publizitätsgesetz verpflichtet Aktiengesellschaften zur regelmäßigen Veröffentlichung eines Jahresabschlusses und eines Lageberichts. Für börsennotierte Aktiengesellschaften schreibt das Wertpapierhandelsgesetz (§ 115 WpHG) vor, für die ersten sechs Monate eines jeden Geschäftsjahres einen Halbjahresfinanzbericht zu erstellen. Darüber hinaus müssen börsennotierte Unternehmen in regulierten Märkten kursrelevante Tatsachen unverzüglich melden (Pflicht zur Ad-hoc-Publizität gemäß Art. 17 Marktmissbrauchsverordnung MMVO). Die Deutsche Börse stellt privatrechtlich an Unternehmen zusätzliche Publizitätsanforderungen, wenn sie im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse gelistet sein wollen: So müssen die Unternehmen neben dem Jahresabschluss regelmäßig Quartalsberichte veröffentlichen, mindestens eine Analystenkonferenz im Jahr halten und Ad-hoc-Mitteilungen zusätzlich in englischer Sprache publizieren.

[19]2.2.1 Unterschiede in der Bilanzierung

Mit der Umstellung auf die IFRS hat sich die Philosophie der Rechnungslegung grundlegend verändert. Im Vordergrund von HGB-Abschlüssen steht der Gläubigerschutz und die Kapitalerhaltung. Dies ist nach einer Berichterstattung nach IFRS nachrangig. Die IFRS dienen vornehmlich dem Informationsbedürfnis der Investoren und Analysten. Danach hat der Jahresabschluss der Kapitalgesellschaft »ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens« zu vermitteln (»true and fair view«). In der Folge fällt der Gewinnausweis zumeist höher aus; stille Reserven werden eher offengelegt.

Neben den europäischen IFRS existieren weltweit weitere relevante Rechnungslegungsvorschriften. In den USA wird nach den US-GAAP, in Großbritannien teilweise auf Grundlage des UK-GAAP und in der Schweiz auf Basis der IFRS/Swiss GAAP bilanziert. Zwischen den Bilanzierungsvorschriften in Europa und den USA bestehen einige Unterschiede.

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Abb. 2.1: Grundlegende Unterschiede HGB, IFRS, US-GAAP (Quelle: Eigene Darstellung)

Bei den IFRS sind die Möglichkeiten der Bilanzpolitik durch weniger Bilanzierungs- und Bewertungswahlrechte deutlich eingeschränkt. Im Gegensatz zum HGB, welches als code law ausgestaltet ist, sind die IFRS als case law geschrieben, um möglichst viele Einzelfälle zu erfassen. Dies vermeidet zwar die Notwendigkeit einer Auslegung und Interpretation der einzelnen Vorschriften, schlägt sich jedoch im Umfang der Regulierung nieder: Während die IFRS rund 1.000 Seiten umfassen, wird die Rechnungslegung des HGB in weniger als 100 Paragrafen geregelt.

Es können sich erhebliche Unterschiede bei der Bewertung einzelner Vermögenspositionen ergeben. Aufgrund der unterschiedlichen Bedeutung des Realisationsprinzips kann der Zeitpunkt der Umsatzrealisierung in den verschiedenen Rechnungslegungen sehr unterschiedlich sein. Oder anders ausgedrückt: Umsätze lassen sich nach den IFRS schon früher realisieren als nach HGB oder US-GAAP (sog. Frontend-Loading).

BEISPIEL

Bilanzierung von Rolls-Royce

Der Triebwerkshersteller Rolls-Royce verkaufte jahrelang Triebwerke inklusive Wartungsverträgen. Das OEM(Original-Equipment)-Geschäft war regelmäßig [21]defizitär, das Aftermarket-Geschäft hingegen sehr lukrativ. Aufgrund der Anwendung der IAS 15 war es aber möglich, schon zum Zeitpunkt des Verkaufs von Triebwerken die zukünftigen Erfolge aus der Wartung zeitanteilig als Ertrag zu verbuchen (»verfrühstücken«). Es ist ersichtlich, dass Frontend-Loading ein Liquiditätsrisiko verschleiern kann, wenn die Abnehmer der Triebwerke insolvent werden und die Verträge nicht erfüllen können. Gemäß HGB und US-GAAP wäre eine derartig aggressive Bilanzierung nicht möglich gewesen. Aufgrund der Kritik hat Rolls-Royce beschlossen, die Bilanzierung mit dem Geschäftsjahr 2016 zu ändern. Umsätze und EBIT werden seitdem deutlich niedriger ausgewiesen.

Auch bei der Bilanzierung von immateriellen Vermögensgegenständen (Patente, Lizenzen, Urheberrechte, Filmmaterial, Franchiseverträge etc.) verfolgen die IFRS den »true and fair view« und erfordern eine Aktivierung. Nach den IFRS soll eine Aktivierung dann erfolgen, wenn der einzelne immaterielle Vermögensgegenstand vermutlich einen Zuwachs an ökonomischen Nutzen mit sich bringt und eine zuverlässige Bewertung dieses Vorganges möglich ist. Das Imparitätsprinzip wird hingegen weniger streng verfolgt als im HGB: Die Ermessensspielräume bei der Ausweisung von Rückstellungen sind nach den IFRS deutlich geringer als nach dem HGB.

Die IFRS (IAS 2) ermöglichen auch keine LIFO-Bewertung von Vorräten (Last in – First out), HGB und US-GAAP hingegen schon. In der Folge können die Betriebsergebnisse nach den IFRS und nach den US-GAAP ganz unterschiedlich ausfallen. Bei steigenden Materialpreisen können gemäß HGB und US-GAAP die Materialaufwendungen höher und die Ergebnisse niedriger ausgewiesen werden als nach den IFRS.

Merke

Die Grundprinzipien der Rechnungslegung haben zur Folge, dass in den nach IFRS aufgestellten Abschlüssen tendenziell ein höherer Gewinn ausgewiesen wird und die Vermögenswerte zu aktuelleren Werten angegeben werden, als dies nach HGB der Fall wäre. Die Rechnungslegung gemäß IFRS und US-GAAP sind mittlerweile recht ähnlich. Die Konzernabschlüsse sind mithin international gut vergleichbar. Im Zuge des Harmonisierungsprozesses zwischen US-GAAP und den IFRS ist zudem eine weitere Annäherung zu erwarten.

2.2.2 Präsentation der Zahlen

Die optischen Unterschiede zwischen US-amerikanischen und europäischen Geschäftsberichten sind sehr augenfällig. Während in europäischen Geschäftsberichten nahezu keine Auflagen bezüglich des Formats und der zusätzlichen Informationen gegeben sind, müssen die meisten US-Unternehmen ein standardisiertes Formblatt (sogenanntes 10-K) ausfüllen. Die US-Abschlüsse sind klar strukturiert und sehr übersichtlich. Markt- und [22]Branchendaten oder Abbildungen finden sich in diesen Abschlüssen jedoch nur in Ausnahmefällen. Aufgrund der Standardisierung sind die Berichte gut vergleichbar.

Europäische Geschäftsberichte weisen eine geringere Vergleichbarkeit auf, da den Unternehmen größere Freiheiten bezüglich Gestaltung und Inhalt zugestanden werden. In europäischen Geschäftsberichten finden sich neben dem Jahresabschluss vielfach Zusatzinformationen, die das Verständnis für die Entwicklungen des Unternehmens erhöhen sollen. Aufgrund der mangelnden Standardisierung besteht aber die Gefahr, dass die zusätzlichen Informationen den Blick auf die Vermögens- und Ertragslage verstellen können.

Während die US-amerikanischen Jahres- (10-K) und Quartalsabschlüsse (10-Q) bequem über die Webseite der SEC eingesehen werden können, sind die Abschlüsse von europäischen Unternehmen in der Regel nur direkt über die Internet-Seiten der Unternehmen abrufbar.

2.2.3 Gewinn-und Verlustrechnung (Income Statement)

Die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) stellt den Erträgen der Periode die entsprechenden Aufwendungen gegenüber. Der Saldo dieser Positionen ergibt den Gewinn oder den Verlust der Periode. Der Saldo zeigt an, wie sich das Vermögen der Eigentümer während einer Periode verändert hat.

Die Gewinn- und Verlustrechnung wird entweder nach dem Gesamtkosten- (GKV) oder Umsatzkostenverfahren (UKV) aufgestellt. Gemäß HGB und IFRS sind beide Verfahren zulässig, bei den IFRS wird das Umsatzkostenverfahren bevorzugt. Nach US-GAAP ist das Gesamtkostenverfahren sogar verboten. Internationale Konzerne stellen die Gewinn- und Verlustrechnung (Income Statement) deshalb größtenteils nach dem Umsatzkostenverfahren auf.

Das Gesamtkostenverfahren berücksichtigt alle angefallenen Aufwendungen der Periode. Das Umsatzkostenverfahren stellt dagegen lediglich die Aufwendungen der tatsächlich verkauften Produkte und Dienstleistungen den Umsatzerlösen gegenüber. Da die Verkäufe sich am Markt orientieren und die Gesamtkosten an den Leistungen, ergibt sich eine Differenz, wenn der Herstellungswert der verkauften Einheiten nicht mit dem der produzierten übereinstimmt. Diese Differenz ist in den Bestandsänderungen zu finden. Beide Verfahren führen deshalb letztlich zum gleichen Ergebnis.

[23]Darüber hinaus werden die Kostenarten unterschiedlich gegliedert. Im Gesamtkostenverfahren wird der Aufwand nach Kostenarten (Materialkosten, Personalkosten, etc.) aufgeführt, während das Umsatzkostenverfahren die Kosten nach Funktionsbereichen (Produktion, Vertrieb, etc.) gruppiert. Schematisch sind die beiden Verfahren nach IFRS wie folgt aufgebaut:

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Abb. 2.2: Gesamtkostverfahren versus Umsatzkostenverfahren

Es ist erkennbar, dass bei beiden Verfahren eine Aufspaltung des Ergebnisses erfolgt. Das Gesamtergebnis vor Steuern setzt sich aus den Bestandteilen Betriebsergebnis und Finanzergebnis zusammen. Diese Untergliederung liefert Informationen über die Quellen des Erfolgs.

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Abb. 2.3: Erfolgsquellen des Unternehmens (Quelle: Eigene Darstellung)

Betriebsergebnis (Operating Profit, EBIT)

Das Betriebsergebnis beinhaltet alle betrieblichen Aufwendungen und Erträge, die den Leistungsprozess (und Nebengeschäfte durch Verkauf und Vermietung oder Verpachtung von Produkten bzw. Erbringung von Dienstleistungen) betreffen. Das Betriebsergebnis steht zumeist im Zentrum von Unternehmensanalysen. Das EBIT offenbart die Ertragskraft des originären Geschäfts und ist Ausdruck der Fähigkeiten des Managements und der Positionierung des Unternehmens im Wettbewerb. Das Betriebsergebnis ist ein guter Indikator für den langfristigen Erfolg des Unternehmens. Auf das Finanzergebnis und die Steuerzahlungen hat das Management hingegen kaum Einfluss.

Finanzergebnis (Financial Income)

Das Finanzergebnis gehört zum finanzwirtschaftlichen Bereich und betrifft den Finanzierungs- bzw. Kapitalanlagebereich eines Unternehmens. Es enthält überwiegend gezahlte Zinsen auf das Fremdkapital und ist im Regelfall negativ. Den Aufwendungen (z. B. gezahlte Zinsen, Abschreibungen auf Finanzanlagen, Disagio oder ähnliche Aufwendungen) werden die Erträge aus Kapitalanlagen bzw. Kapitalverflechtungen (z. B. Erträge aus Beteiligungen, Wertpapieren, erhaltene Zinsen oder Agio) gegenübergestellt.

Konzernergebnis (Earnings after taxes, EAT)

Betriebsergebnis und Finanzergebnis ergeben zusammen das Ergebnis vor Steuern (Earnings before taxes, EBT). Auf diese Summe bezahlt das Unternehmen die Ertragsteuern. [25]Nachdem alle Aufwandspositionen von den Umsatzerlösen bzw. der Gesamtleistung (im Gesamtkostenverfahren) abgezogen wurden, ergibt sich der Jahresüberschuss bzw. bei negativem Saldo ein Jahresfehlbetrag. Im IFRS-Abschluss wird diese Position auch »Ergebnis der Periode« oder »Konzernergebnis« genannt.

Merke

Die Erfolgsspaltung in der Gewinn- und Verlustrechnung ist für die Analyse hilfreich, aber nicht ausreichend. Die Rechnungslegung ist nicht auf eine Ermittlung des nachhaltigen Erfolgs ausgelegt. Daneben wird die Bilanzierung geprägt durch das Vorsichtsprinzip: Die ausgewiesenen Ergebnisse werden eher zu niedrig dargestellt. Für aussagekräftige Analysen müssen die Erfolgsgrößen deshalb regelmäßig bereinigt werden (siehe Kapitel 2.3).