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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

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[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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ePub: ISBN 978-3-7910-4599-3 Bestell-Nr. 10348-0100
ePDF: ISBN 978-3-7910-4600-6 Bestell-Nr. 10348-0150

Dietmar Herz/Veronika Weinberger

Die 100 wichtigsten Werke der Ökonomie

1. Auflage, Juli 2019

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Lektorat: Bernd Marquard

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Ein Unternehmen der Haufe Group

[9]Vorwort

»Ein schmales Buch« stelle er sich vor, »mit wenigen, sehr wichtigen Werken, die es zu erläutern gilt« – dies war die Idee, die Dietmar Herz, damals Professor an der Rheinischen Friedrichs-Universität in Bonn, am Telefon skizzierte –, und ob ich mir vorstellen könne, ein solches Buch im Verlag Wirtschaft und Finanzen herauszubringen. Mein Interesse war sofort geweckt, bei einem ersten Treffen vertieften wir die Idee, sehr schnell wurde aber deutlich, dass der Vorsatz, eine Auswahl von »wenigen, sehr wichtigen Werken« zu treffen, kaum einzuhalten wäre.

Welche Autoren und welche ihrer Werke waren »sehr«, welche weniger wichtig? Haben diese Autoren über ihre Zeit hinausgewiesen oder sind sie ihrer Gegenwart verhaftet geblieben? Wie wirkungsmächtig, wie bedeutungsschwer waren ihre Schriften letztlich? Wen haben sie beeinflusst? Haben sie Denkschulen begründet, neue Traditionen geformt? Haben sie Kontroversen ausgelöst oder Paradigmenwechsel eingeleitet?

Die ersten, von Dietmar Herz und seiner wissenschaftlichen Assistentin Veronika Weinberger entworfenen Listen wurden länger und länger – auch vonseiten der Autoren, die um Beiträge zum Lexikon gebeten wurden, kamen immer neue Anregungen. Das »schmal« geplante Lexikon ökonomischer Werke (Arbeitstitel LöW) versprach, ein Mammut-, ein Großprojekt zu werden – Streichungen wurden unumgänglich. Der ursprüngliche Zeitplan war bald Makulatur. Aus der 1998 anvisierten Entwicklungsphase von 18 bis 24 Monaten wurden 8 Jahre, in denen das ganze Projekt nicht nur einmal auf der Kippe stand. Als das LöW schließlich im Herbst 2006 veröffentlicht wurde, hatten 206 Ökonomen, Politik- und Rechtswissenschaftler, Soziologen, Historiker und Theologen aus aller Welt Beiträge zu 650 wegweisenden Schriften von der Antike bis ins 20. Jahrhundert verfasst. Dies zu organisieren, zu korrigieren und schließlich in eine satztechnisch verarbeitbare Form zu bringen, war ohne die Unterstützung vieler williger Lehrstuhlmitarbeiter von Dietmar Herz nicht möglich. Ihnen sei an dieser Stelle noch einmal gedankt.

Die Mitherausgeberin Veronika Weinberger hat die Vollendung des LöW nicht mehr erlebt, sie starb im Frühsommer 2004 auf tragische Weise. Dietmar Herz, der Spiritus Rector des LöW, wechselte während der Entstehungszeit von seinem Bonner Lehrstuhl nach Nashville/USA und dann nach Erfurt. Hier hatte er bis zu seinem überraschenden Tod im März 2018 den Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre inne; über einen Zeitraum von sechs Jahren diente er darüber hinaus als Staatssekretär im Thüringer Justizministerium.

[10]Die jetzt vorliegende Auswahl aus dem LöW greift den ursprünglichen Editionsplan wieder auf, »wenige, sehr wichtige Werke«, ihre Wirkung und ihre Autoren in Kurzbiografien vorzustellen: 100 Schriften, die seit Adam Smith’s Begründung der ökonomischen Klassik mit seinem Wealth of Nations (1776) entstanden sind. Die Auswahl will kein »Kanon« sein, doch gelten zahlreiche dieser Schriften uns heute als Marksteine der Politischen Ökonomie.

Die Reihe der Gedanken und Ideen in der Geschichte der ökonomischen Wissenschaft ist lang. Unser heutiger Wissensstand und seine Ausprägungen in den modernen Staatsund Wirtschaftsformen sind ohne sie nicht denkbar. Oft genug erweisen sich selbst in Vergessenheit geratene Texte bei ihrer Wiederentdeckung von erstaunlicher Aktualität. Und wie in allen Geisteswissenschaften gibt es auch in der Ökonomie klassische Texte, die ihre Zeit überdauert haben und als »ferne Spiegel« nach wie vor wichtige Quellen der Erkenntnis darstellen.

Studierende der ökonomischen Wissenschaften finden hier reiche Anregungen zum vertiefenden Studium klassischer wie jüngerer Texte, vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. So wird die Auswahl dem vielerorts und fächerübergreifend vorhandenen Interesse an der Geschichte des ökonomischen Denkens gerecht. Zugleich vermag sie auch dem nicht wissenschaftlich ausgerichteten Leser als Anregung und Quelle zur Erweiterung seines Wissens zu dienen.

Krefeld, Januar 2019

Michael Tochtermann

[11]Akerlof, George Arthur

George A. Akerlof wurde am 17. Juni 1940 in New Haven (USA) geboren. Nach dem Studium an der Yale University folgten im Jahre 1966 die Promotion am MIT und mehrere Forschungsaufenthalte an renommierten Institutionen, u. a. an der Harvard University und der LSE. Er ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftstheorie an der University of California (Berkeley), wo er für die Bereiche Makroökonomie und Geldtheorie zuständig war. Sein Forschungsschwerpunkt war die Theorie der Arbeitslosigkeit. Im Jahre 2001 wurde Akerlof zusammen mit Michael Spence und Joseph Stiglitz »für ihre Analyse von Märkten mit asymmetrischer Information« mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft ausgezeichnet.

The Market for »Lemons«

Quality Uncertainty and the Market Mechanism

EA: in: Quarterly Journal of Economics, 84, 1970, S. 488–500. AA: in T. Cowen/E. Crampton (Hg.): Market Failure or Success. The New Debate, Cheltenham: E. Elgar, 2002, S. 66–78.

Ein Hauptinteresse von Akerlofs frühen Arbeiten lag auf Märkten mit asymmetrisch verteilten Informationen zwischen den Marktteilnehmern und der daraus resultierenden Unsicherheit. Bereits im Alter von dreißig Jahren untersuchte er die Besonderheiten solcher Märkte in seinem Aufsatz »The Market for ›Lemons‹. Quality Uncertainty and the Market Mechanism«. Im Gegensatz zur heute als Unsicherheitsökonomie bezeichneten Forschungsrichtung, bei der die sogenannte technische Unsicherheit der Marktteilnehmer exogen über den möglichen Eintritt von Umweltzuständen hervorgerufen wird (unvollständige Informationen), resultiert die sogenannte Marktunsicherheit aus dem Verhalten der Marktteilnehmer bei ungleich (asymmetrisch) verteilten Informationen. Die Informationsökonomie befasst sich somit mit Unsicherheitszuständen, die marktendogen bestimmt werden. Die Arbeit von Akerlof beschäftigte sich mit Märkten, in denen die Nachfrager und Anbieter unterschiedliche Informationen über die Qualitätseigenschaften von Gütern besitzen. Behandelt werden insbesondere Situationen, in denen die Nachfrager nicht in der Lage sind, zwischen guten und schlechten Qualitäten zu unterscheiden, da eine Beurteilung der Eigenschaften vor dem Tausch technisch oder ökonomisch nicht möglich oder sinnvoll ist (sogenannte Erfahrungseigenschaften). Die Folge dieser Situation ist das Problem der »Adverse-Selection« (auch: Fehlauswahl/ Negativauslese), das Akerlof am – heute als klassisch geltenden – Beispiel des Gebrauchtwagenmarktes verdeutlicht. Dabei geht er von folgenden Annahmen aus: (a) Die Quali[12]täten der (Gebraucht-)Wagen sind nicht homogen; (b) die Anbieter kennen diese Qualitäten zwar, die Nachfrager können jedoch vor dem Tausch nicht zwischen ihnen unterscheiden, sondern gehen, da sie die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Qualitäten kennen, von einer Durchschnittsqualität aus; (c) Kommunikation (Signaling und Screening) ist mit prohibitiv hohen Kosten verbunden und eine Informationsübertragung somit nicht möglich. Aufgrund dieser Annahmen folgert Akerlof, dass alle Autos zu einem identischen Preis angeboten und nachgefragt werden. Wenn alle Gebrauchtwagen zu einem einheitlichen Preis gehandelt werden, ist ein Verkauf für den Besitzer eines schlechten Gebrauchtwagens (»lemon«) besonders attraktiv. Dies hat zur Folge, dass Verkäufer guter Qualitäten sich als Anbieter vom Markt zurückziehen, da sie keinen wertentsprechenden Preis erzielen. Nur Anbieter schlechter Qualitäten sind bereit, ihr Angebot aufrecht zu erhalten, was zu einer weiter sinkenden Durchschnittsqualität führt. Diese preisinduzierten Qualitätseffekte begründen entweder ein informationsbedingtes Marktversagen oder ein Gleichgewicht mit niedrigerem Qualitätsniveau, da in Analogie (allerdings nicht vollständiger) zu Greshams Gesetz die Anbieter guter Qualitäten durch die Anbieter schlechter Qualitäten verdrängt werden.

Die allgemeine Einsicht, dass asymmetrische Information zu ineffizienten Zuständen führen kann, ist auch für das Verständnis von Versicherungs- und Kreditmärkten oder von statistischer Diskriminierung (z. B. auf Arbeitsmärkten) relevant. Der »Lemons«-Aufsatz hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die moderne Informationsökonomik entwickeln konnte. Er ist heute einer der meistzitierten ökonomischen Aufsätze überhaupt. An diesem Aufsatz lässt sich aber auch zeigen, wie schwer es neue, bahnbrechende Ideen oft haben. Akerlof verfasste den Aufsatz 1966 und schickte ihn zuerst an die American Economic Review (abgelehnt, da »trivial«), dann zum Journal of Political Economy (abgelehnt, da »falsch«), weiter zur Review of Economic Studies (abgelehnt, da »trivial«). Schließlich wurde der Aufsatz 1970 im Quarterly Journal of Economics veröffentlicht. Obwohl die empirische Überprüfung der Untersuchung bis heute nicht gelungen ist, hat Akerlof mit seiner Analyse die theoretische Forschung auf besondere Weise bereichert und auf die Notwendigkeit der Betrachtung von Signaling und Screening zum Abbau von Marktunsicherheit aufmerksam gemacht.

Lit.: M. Hopf: Informationen für Märkte und Märkte für Informationen, Frankfurt a.M.: Barudio & Hess, 1983; H. Milde: »Die Theorie der adversen Selektion«, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 17/1, 1988, S. 1–6.

Arnd Busche/Michael Welling

[13]Alchian, Armen Albert

Armen Albert Alchian, geboren am 12.4.1914 in Fresno, Kalifornien, gestorben am 19.2.2013 in Los Angeles, war von 1958 bis 1985 Professor an der University of California, Los Angeles; 1996 wurde er »Distinguished Fellow« der American Economic Association. Neben seinen Arbeiten zur evolutionären Perspektive der Wirtschaft lieferte Alchian u. a. wichtige Beiträge zur ökonomischen Analyse des Rechts, zur Thematik der Transaktionskosten und zur Organisationstheorie.

Uncertainty, Evolution, and Economic Theory

EA: in: Journal of Political Economy, 58, 1950, S. 211–221. AA: in: U. Witt (Hg.): Evolutionary Economics, Aldershot: Brookfield, 1993, S. 65–75 (Nachdr.).

Ein häufiges Thema in Alchians Werken ist das Bild des rational handelnden und die Zukunft antizipierenden Individuums. Dabei sieht er rationales Handeln von Individuen oder Unternehmen als Ergebnis und nicht als Voraussetzung des Wirtschaftsprozesses. Diese evolutionäre Betrachtungsweise findet sich auch in seinem Artikel »Uncertainty, Evolution, and Economic Theory«. Alchian unterstellt hier – in Abgrenzung zur orthodoxen ökonomischen Theorie – unvollständige Information und Unsicherheit und verweist auf die Schwierigkeiten, die mit dem Versuch verbunden sind, diese Annahme in ein Modell der herkömmlichen Theorie zu integrieren. Ebenso lehnt er die Standardannahme des profitmaximierenden Verhaltens der Unternehmen ab: In einer unsicheren Welt kann Profitmaximierung keine sinnvolle Beschreibung von Verhaltensweisen sein, weil die Handlungsergebnisse dem Entscheidungsträger nicht von vornherein mit Sicherheit bekannt sind. In Anlehnung an die biologischen Prinzipien der Evolution und natürlichen Selektion entwickelt Alchian ein Modell des Wirtschaftssystems als Mechanismus, der bestimmte Verhaltensweisen ex post als überlebensfähig selektiert und andere ablehnt. Selektionskriterium ist nicht die Maximierung von Profiten, vielmehr müssen Unternehmen, um zu überleben, lediglich »positive Profite« erwirtschaften. Positive Profite können somit analog zu den Kriterien der natürlichen Selektion in der Biologie betrachtet werden: Unternehmen, die Gewinne erwirtschaften, werden von der Umwelt ausgewählt und angenommen, andere scheiden aus und gehen unter. Für diesen Mechanismus ist es zunächst gleichgültig, ob die Unternehmen bewusst das Ziel der Gewinnerwirtschaftung verfolgen oder ob ihr Verhalten ziellos und zufällig ist. Denn auch im extremen Fall eines vollständig zufälligen Verhaltens aller Wirtschaftseinheiten werden einige Unternehmen relativ erfolgreicher sein als andere, mithin Gewinne [14]erwirtschaften und überleben. Solche Firmen werden aufgrund ihrer Gewinne ein Wachstum verzeichnen, während nicht erfolgreiche Firmen schrumpfen bzw. aus dem Markt ausscheiden. Damit werden die zufällig entstandenen, aber von der Umwelt favorisierten Verhaltensweisen und charakteristischen Eigenschaften einzelner Firmen in der Gesamtpopulation der Unternehmen einen höheren Anteil haben, als in der Ausgangsposition. Ohne intentionales Verhalten eines einzigen Wirtschaftssubjekts hat sich damit die Struktur der Unternehmenslandschaft in die Richtung höherer ökonomischer Effizienz entwickelt. Die zusätzliche und realistische Annahme vom adaptiven und intentionalen Verhalten der Unternehmen erweitert das extreme Modell des vollständig zufälligen Verhaltens und lässt die Erklärung von intendierten Verhaltensweisen unter Unsicherheit zu. Wenn Firmen unter Unsicherheit den Versuch machen, Gewinne zu erwirtschaften, haben sie ein klares Motiv, Verhaltensweisen anderer, die sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen haben, zu adaptieren. Dies erklärt die Entstehung von Verhaltensregeln als Imitation erfolgreicher Strategien. Hierin findet sich eine weitere Begründung für die Ausbreitung effizienter Verhaltensweisen in der Gesamtpopulation der Unternehmen. Das Nachahmungsverhalten der Unternehmen übernimmt in Alchians Modell die Rolle der genetischen Vererbung. Im Zuge dieser Imitation von Verhaltensweisen kommt es auch zu nicht-intendierten Innovationen, wenn etwa die Verhaltensweisen nicht exakt kopiert oder in einen anderen Kontext übertragen werden. Zusammen mit den intendierten, risikobehafteten innovativen Handlungen bildet diese Art der Innovationen die Analogie zur Mutation in der Biologie. Beobachtbare Muster bei der Verbreitung von Verhaltensweisen sind im Rahmen von Alchians Modell in Abhängigkeit von der Wahrscheinlichkeit vorhersagbar, dass erstens eine bestimmte Verhaltensweise ausprobiert wird, und diese zweitens auch zu Erfolgen führt. Vieles spricht in diesem Kontext dafür, dass die Wahrscheinlichkeit für das Ausprobieren eines Handlungsmusters von der Wahrscheinlichkeit seines Handlungserfolgs abhängt. Der Evolutionsmechanismus bringt also Reaktionen auf Umweltbedingungen in Form der Ausbreitung effizienter Handlungsmuster innerhalb der Population der Unternehmen hervor, die in Einklang mit den Vorhersagen der orthodoxen Theorie stehen. Seine Argumentationslinie sieht Alchian als vernünftigen Leitfaden für den Einsatz von Standardwerkzeugen der ökonomischen Analyse.

Alchians Idee, obwohl mit Zustimmung bedacht, fand in der orthodoxen ökonomischen Theorie wenig Niederschlag. Sogar Alchian selbst geht in vielen seiner späteren Arbeiten zur Firmentheorie wieder vom Bild des profitmaximierenden Unternehmens aus. Dagegen ist Alchians Aufsatz für die moderne evolutorische Ökonomik von hoher Bedeutung, insbesondere als direkter Vorläufer von Nelsons und Winters evolutorischer Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (Nelson/Winter 1982).

[15]Lit.: A.A. Alchian: »Reliability of Progress Curves in Airframe Production«, in: Econometrica, 31, 1963, S. 679–693; R. R. Nelson/S.G. Winter: An Evolutionary Theory of Economic Change, Cambridge-London: Belknap Press, 1982; E.T. Penrose: »Biological Analogies in the Theory of the Firm«, in: American Economic Review, 42, 1952, S. 804–819.

Daniel Eissrich

[16]Allais, Maurice

Maurice Allais (31.5.1911 bis 9.10.2010) begann 1931 ein Studium der Mathematik, das er 1933 erfolgreich abschloss. Nach einigen Jahren im Staatsdienst und einem Kriegseinsatz arbeitete er an seinen ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, ohne allerdings seine Tätigkeit in der Verwaltung aufzugeben. Maurice Allais wurde 1988 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. A la recherche d’une discipline économique war sein Erstlingswerk.

A la recherche d’une discipline économique

EA: 2 Bde., Paris: Ateliers Industria, 1943; 2. erw. Aufl.: Traité d’économie pure, 5 Bde., Paris: Imprimerie Nationale, 1952. AA: Paris: Juglar, 31994 (Nachdr. der 2. erw. Aufl.).

Das Werk erschien zuerst in zwei Bänden, wobei der erste Band das Hauptwerk darstellt und der zweite die Anhänge enthält. Bei der zweiten Auflage wurden aus den ursprünglich zwei Bänden fünf, wobei sich aber die neue Auflage inhaltlich von der ersten nur durch eine 63-seitige Einführung unterscheidet. A la recherche d’une discipline économique entstand unter dem Einfluss von Walras und Pareto, und man kann mit Recht behaupten, dass Maurice Allais die Lausanner Schule weitergeführt hat. Er verband in dieser Arbeit das paretianische System mit den modernen Ansätzen der Wohlfahrtsökonomik. Zunächst beschäftigt sich Allais mit mikroökonomischer Theorie. Dabei geht er auf die Begriffe der Substituierbarkeit und Komplementarität von Größen ein. Er gibt eine alternative Interpretation zum neoklassischen Verständnis nach Slutsky und Hicks und zeigt, dass Komplementarität und Substituierbarkeit keine absoluten, sondern eher relative Konzepte sind. Wichtig sind des Weiteren die wirtschaftspolitischen Empfehlungen von Allais. So demonstriert er, dass natürliche Monopole unter staatliche Aufsicht zu stellen oder besser in staatliches Eigentum zu überführen sind. Eine weitere wirtschaftspolitische Forderung betrifft Renten (d. h. Einkommen), die nicht aufgrund marktlicher Aktivitäten entstanden sind. Die Entstehung derartiger Renten ist nach Allais zu bekämpfen. Allais beschäftigt sich auch – ganz der walrasianischen Theorie verpflichtet – mit der Frage, wie sich die Wirtschaft auf neue stabile Gleichgewichtssituationen zubewegt. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern war sich Allais bewusst, dass die Stabilität in der Gleichgewichtssituation äußerst fragil und komplex ist. Allais erachtete die Gleichgewichtsund Stabilitätsbedingungen von Walras als zu statisch. Er trat für eine Dynamisierung des Tâtonnement-Prozesses im Sinne von Walras ein. Nach Allais war dessen Hypothese, dass im Fall der Zerstörung einer Gleichgewichtssituation auf einem Teilmarkt der Preis[17]mechanismus und Rückwirkungen von anderen Märkten ein neues (stabiles) Gleichgewicht herbeiführen, eher ein Spezialfall und an restriktive Prämissen geknüpft. Er zeigt, dass die walrasianische Theorie nur dann gilt, wenn die Angebots- und die Nachfragefunktionen homogen hinsichtlich Preis und Einkommen sind. Allais »rettet« Walras’ Homogenitätsprämisse aber, indem er von der Behauptung eines einzigen ökonomischen Gleichgewichtspunktes abrückt und Gleichgewichtsfelder einführt, die mehrere Gleichgewichtspunkte in unmittelbarer Nachbarschaft zulassen.

Allais’ Erstlingswerk erreichte zwar nie den Bekanntheitsgrad seiner entscheidungstheoretischen Schriften, die das sogenannte Allais-Paradoxon behandeln, aber sein Einfluss auf die neo-walrasianische Theorie sollte nicht unterschätzt werden. Auch der Stellenwert, den der Verfasser selbst diesem Werk beimaß, ist beachtlich. Das Buch war nur als Teil eines umfassenden monumentalen Werkes geplant. Vorgesehene weitere Teile waren eine Zins- und Geldtheorie, eine Theorie des internationalen Handels, eine Theorie des ökonomischen Ungleichgewichts und schließlich eine Rekonstruktionstheorie, die den Wiederaufbauprozess der europäischen Wirtschaft zum Thema haben sollte. Das vorliegende Werk ist gerade auch insoweit von außerordentlicher Bedeutung, als es zwei seiner Schüler, Gérard Debreu und Edmond Malinvaud, maßgeblich anregte, die neowalrasianische Theorie weiter zu entwickeln und als Schule zu etablieren.

Lit.: B. Murier (Hg.): Markets, Risk and Money. Essays in Honour of Maurice Allais, Dordrecht-London: Kluwer, 1993; M. Boiteux (Hg.): Marchés, capital et incertitude. Essais en l’honneur de Maurice Allais, Paris: Economica, 1986; M. Allais/O. Hagen (Hg.): Cardinalism. A Fundamental Approach, Dordrecht-London: Kluwer, 1994.

Thomas Pfahler

[18]Arrow, Kenneth Joseph

Kenneth J. Arrow, geboren am 23. August 1921 in New York, gestorben am 21. Februar 2017 in Palo Alto, war Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stanford University; zuvor lehrte er einige Jahre (1968–1979) in Harvard. Den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt Arrow 1972 für seine Pionierleistung im Bereich der Allgemeinen Gleichgewichts- und der Wohlfahrtstheorie.

Richard Arnott

Social Choice and Individual Values

EA: New York: John Wiley & Sons, 1951. AA: 2. Aufl., New York: John Wiley & Sons, 1963.

Es kommt nicht oft vor, dass ein wissenschaftliches Werk eine neue eigenständige Disziplin begründet und gleichzeitig deren zentrales Resultat vorwegnimmt. Genau dies lässt sich von Arrows Social Choice and Individual Values behaupten. Die wissenschaftliche Disziplin, deren Grundlage das Werk legt, ist die moderne Social-Choice-Theorie; das zentrale Resultat, das im Mittelpunkt der Monographie steht, ist das sogenannte Arrowsche Unmöglichkeitstheorem (Arrow selbst spricht vom »general possibility theorem«, heute wird das Resultat aber üblicherweise als das Unmöglichkeitstheorem bezeichnet). Worum es Arrow geht, ist das grundlegende Problem demokratischer Entscheidungsfindung in einer pluralistischen Gesellschaft: Nach welchen Verfahren soll unter mehreren möglichen Alternativen gewählt werden, falls die von der Entscheidung betroffenen Individuen unterschiedliche Präferenzen bezüglich dieser Alternativen haben? Anwendungsbeispiele dieses allgemeinen Problems sind politische Wahlen, die Auswahl von Amtsträgern aus einer Reihe von Kandidaten, aber auch alltägliche Gruppenentscheidungen in Verbänden, Vereinen oder der Familie. Dass es keine ganz einfache Lösung haben kann, lässt sich anhand des folgenden Beispiels illustrieren. Eine Gruppe aus drei Wählern A, B und C habe über die drei Alternativen x, y und z folgende Präferenzen: A bevorzugt x gegenüber beiden anderen Alternativen und außerdem y gegenüber z; B bevorzugt y gegenüber beiden anderen Alternativen und außerdem z gegenüber x; C schließlich bevorzugt z gegenüber beiden anderen Alternativen und x gegenüber y. Bei paarweiser Mehrheitsabstimmung würde jede der Alternativen gegen eine andere verlieren: Jeweils eine Mehrheit der Wähler bevorzugt z gegenüber x, x gegenüber y und y gegenüber z. Die paarweise Mehrheitsabstimmung lässt also in der angegebenen Situation keine konsistente Auswahl einer Alternative zu. Arrows Vorgehensweise ist axioma[19]tisch, d. h. er überlegt zunächst, welche wünschenswerten Eigenschaften ein Wahlverfahren besitzen soll. (Die Darstellung folgt hier der 2. Ausgabe des Werks aus dem Jahr 1963.) Um Situationen wie die des obigen sogenannten »Wahlparadoxons« auszuschließen, fordert Arrow als Erstes, dass ein Wahlverfahren für jede denkbare Kombination individueller Präferenzen eine konsistente Rangordnung der Alternativen festlegen soll. Zweitens soll eine einstimmige Präferenz aller Individuen für x gegenüber y niemals zur Wahl von y führen. Drittens soll die Rangordnung zweier Alternativen nur von den individuellen Rangordnungen dieser beiden Alternativen abhängen. Das Unmöglichkeitstheorem besagt, dass die einzigen Wahlverfahren, die diese drei Bedingungen bei Vorliegen von mehr als zwei Alternativen erfüllen, diktatorisch sind, d. h. ein einzelnes Individuum bestimmt die Rangordnung der Alternativen unabhängig von den Präferenzen aller anderen Individuen. Diese Schlussfolgerung ist wenig ermutigend, besagt sie doch, dass es kein befriedigendes Wahlverfahren gibt, das mit vernünftigen Vorstellungen demokratischer Entscheidungsfindung vereinbar ist.

Arrows bahnbrechende Arbeit hat in den 1970er und 1980er Jahren eine intensive Auseinandersetzung mit dem Problem kollektiver Entscheidungen initiiert und damit den Grundstein der modernen formalen Social-Choice-Theorie gelegt. Die Forschung hat dabei insbesondere die außerordentliche Robustheit des Unmöglichkeitstheorems aufgezeigt. Aus ökonomischer Perspektive ist vor allem das eng verwandte »Gibbard-Satterthwaite-Theorem« von großer Bedeutung, das besagt, dass jedes nicht-diktatorische Wahlverfahren anfällig gegenüber strategischer Manipulation ist.

Lit.: A.K. Sen: Collective Choice and Social Welfare, San Francisco, CA: Holden-Day, 1970; J.S. Kelly: Arrow Impossibility Theorems, New York: Academic Pr., 1978; A.K. Sen: »Social Choice Theory«, in: K.J. Arrow/M. Intriligator (Hg.): Handbook of Mathematical Economics, Bd. III, Amsterdam: North-Holland, 1986; A. Mas-Colell/M.D. Whinston/J.R. Green: Microeconomic Theory, New York et al.: Oxford UP, 1995, Part V.

Clemens Puppe

Essays in the Theory of Risk-Bearing

EA: Amsterdam-London: North-Holland, 1970. AA: 31976.

Wenn Ökonomie-Nobelpreise nicht für das Lebenswerk, sondern (wie in den Naturwissenschaften) für Einzelleistungen vergeben würden, hätte Arrow wenigstens drei Preise erhalten: einen für die Grundlegung der Social-choice-Theorie, einen (zusammen mit Gerard Debreu) für die erste stringente Begründung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts (Theorie des allgemeinen Wettbewerbsgleichgewichts) und die Analyse seiner [20]Eigenschaften sowie einen für die zahlreichen Beiträge zur Ökonomie der Unsicherheit, die allesamt in dem vorliegenden Band versammelt sind.

Vor fünfzig Jahren begannen die Ökonomen, ein schemenhaftes Verständnis für die Bedeutung der Unsicherheit zu entwickeln; allerdings wurde es versäumt, dieses Konzept in die allgemeine ökonomische Theoriebildung einzubeziehen. Daher waren Arrows Arbeiten nicht nur für die Entwicklung, sondern auch für die Integration der »Ökonomie der Unsicherheit« in die Mainstream-Theorie wegweisend. Aufbauend auf die seinerzeit noch junge Theorie der »Entscheidung unter Unsicherheit«, die von John von Neumann und Oscar Morgenstern (1947) entwickelt worden war, integrierte Arrow in seiner ersten großen Veröffentlichung zu diesem Thema (zusammen mit Debreu) den Begriff der Unsicherheit in die Theorie des allgemeinen Wettbewerbsgleichgewichts. Ein Beispiel: Nehmen wir an, der Bauer Meier würde seine Ernte verlieren, wenn es morgen regnet; nun kann er sich heute gegen dieses Risiko mit dem Kauf von »Arrow-Debreu-Finanztiteln« absichern, die zum Wettbewerbspreis zu erwerben sind; wenn – und nur wenn – es regnet, wird er am nächsten Tag pro Titel einen Euro erhalten. Arrow zeigte, dass sich mit einem vollständigen Satz von Arrow-Debreu-Finanztiteln die Theorie des allgemeinen Wettbewerbsgleichgewichts unter Sicherheit unmittelbar auch auf die Bedingung unter Unsicherheit erstreckt. Er erkannte, dass weder die Annahme dieser Theorie, es sei möglich, sich gegen jeden denkbaren Schadensfall abzusichern, noch ihre Folgerung, die Wettbewerbsökonomie sei in der Lage, das Problem der Unsicherheit effizient und exklusiv durch den Markt zu lösen, mit der Empirie in Einklang stehen.

Arrows zweiter bedeutender Beitrag zur Ökonomie der Unsicherheit war etwas anders geartet: keine hehre Theorie, sondern eine (im Wesentlichen auf seine Beobachtung der Ökonomie der medizinischen Versorgung gegründete) brillante Spekulation darüber, wie die Wirtschaft tatsächlich mit Unsicherheit umgeht. Formalisiert wurden die von Arrow entwickelten noch formlosen Begriffe und Hypothesen von seinen Studenten Michael Spence, Richard Green, Mark Pauly und Jean-Jacques Laffont. Zusammengenommen legten ihre Werke den Grundstock für die Revolution durch die Theorie der asymmetrischen Informationsverteilung. Arrow konzentrierte sich auf asymmetrische Information (d. h. Situationen, in denen der Versicherer weniger Informationen als der Versicherte hat) als Ursache für fehlende Märkte, und er identifizierte zwei Haupterscheinungsformen: In der Situation moral hazard/hidden action (d. h. subjektives Risiko infolge einer versteckten, also für einen der Transaktionspartner nicht beobachtbaren Handlung), kann der Versicherer nicht feststellen, ob z. B. die Missernte des Bauern auf schlechtes Wetter oder aber ungenügende Leistungsbereitschaft zurückzuführen ist. In diesem Fall wird die Versicherungsprovision den Anreiz des Bauern zu produzieren dämpfen. In der Situation adverse selection/hidden type (d. h. Negativauslese infolge versteckter, nicht allen Transaktionspartnern bekannten Eigenschaften) ist der Versicherer [21]nicht in der Lage festzustellen, ob – in unserem Beispiel – die Missernte auf schlechtes Wetter oder auf die intrinsische Unfähigkeit des Bauern zurückzuführen ist. Diese Negativauslese kann in einem Versicherungsmarkt zur Abwesenheit von Handel, zu fehlendem Gleichgewicht oder zur Überversicherung bei schlechten und Unterversicherung bei guten Risiken führen. Zudem vermutete Arrow, dass für den Fall, dass die konkurrierenden Versicherungsmärkte bei der Risikoverteilung scheitern, nicht-marktförmige Institutionen entstehen, die diese Mängel ausgleichen. Die Bereitstellung von Versicherungsleistungen durch die öffentliche Hand ist ein naheliegendes Beispiel; weniger naheliegende Beispiele sind etwa die Organisation der Produktion innerhalb von Unternehmen und die Rolle der ärztlichen Reputation in der medizinischen Versorgung.

Da Arrow als Erster den grundlegenden Einfluss der Unsicherheit auf die Wirtschaftsstrukturen erkannte und das Konzept der Unsicherheit in die breite ökonomische Theorie integrierte, hat man ihn zu Recht zum Vater der »Ökonomie der Unsicherheit« ausgerufen.

Lit.: J. von Neumann/O. Morgenstern: Theory of Games and Economic Behaviour, Princeton, NJ: Princeton UP, 1947 (Nachdr.: Düsseldorf: Wirtschaft und Finanzen, 2001).

Richard Arnott

Aus dem Englischen von Matthias Finke

[22]Auspitz, Rudolf/Richard Lieben

Der Wiener Nationalökonom Rudolf Auspitz (7.7.1837 bis 10.3.1906), ein erfolgreicher Bankier und Geschäftsmann, stand der Österreichischen Schule der Nationalökonomie nahe. 1873 wurde Auspitz als Angehöriger der liberalen Partei Abgeordneter des Reichsrats. Sein ökonomisches Hauptwerk ist die Untersuchungen über die Theorie des Preises, das er zusammen mit seinem Schwager Richard Lieben verfasste.

Der Wiener Richard Lieben (6.10.1842 bis 1919) arbeitete mit seinem Schwager Rudolf Auspitz geschäftlich und wissenschaftlich eng zusammen. Die gemeinsam veröffentlichten Untersuchungen über die Theorie des Preises, einer der hervorragenden Beiträge zur Preistheorie im deutschen Sprachraum im 19. Jh., war das Ergebnis eines Jahrzehnts mühevoller Arbeit. Neben diesem Hauptwerk verfasste Lieben noch eine Reihe kleinerer Abhandlungen, insbesondere zu Fragen der Währungspolitik. Ein Augenleiden zwang Lieben in den Jahren vor seinem Tod zur Aufgabe der wissenschaftlichen Arbeit.

Untersuchungen über die Theorie des Preises

EA: Leipzig: Duncker & Humblot, 1889. AA: Düsseldorf: Verlag Wirtschaft und Finanzen, 1993 (Faks. d. EA).

Auspitz und Lieben entwickelten ein Instrumentarium zur fundamentalen Analyse der individuellen Optimierung und des partiellen Gleichgewichts. Im Unterschied zu den meisten anderen zeitgenössischen Preistheoretikern wählten sie als Ausgangspunkt ihrer Analysen nicht den Tausch zweier Güter und damit relative Preise, sondern den Tausch eines Gutes gegen Geldbeträge, also absolute Geldpreise. Sie verwendeten dazu ein graphisches Instrumentarium mit reziproken Nachfragekurven oder Tauschkurven. Diese Methodik hatte analytisch einige Vorteile, aber auch gewichtige Nachteile. Gerade der Tausch eines einzelnen Gutes gegen Geld lässt sich mit einfachen Angebots- und Nachfragekurven wesentlich leichter und deshalb effizienter analysieren als mit Tauschkurven, weshalb auch die spätere Preistheorie dem Marshallschen Kreuz den Vorzug gab. Eine Hauptstärke der Methode von Auspitz und Lieben liegt demgegenüber in der transparenten Darstellung von Konsumenten- und Produzentenrenten, was den beiden Österreichern glänzende Analysen unter anderem bei Monopolen, Kartellen und in der Außenhandelstheorie ermöglichte. So vermochten Auspitz und Lieben beispielsweise als erste das Optimum eines Monopolisten mittels Grenzerlös- und Grenzkostenkurven zu ermitteln oder durch Vergleich verbesserter Austauschverhältnisse mit ineffiziente[23]rem Faktoreinsatz Optimalzölle präzise zu bestimmen. Für die Graphiken und Ausführungen im Hauptteil der Untersuchungen bilden die vier mathematischen Anhänge gewissermaßen das analytische Gerüst des Werkes. In den Anhängen finden sich außerdem viele weitere theoriegeschichtlich äußerst bemerkenswerte Beiträge zur Mikroökonomie. Hervorgehoben seien das Konzept der ordinalen Nutzenmessung, eine klare Definition von Substituten und Komplementärgütern sowie die Integration der Partialanalyse in eines der ersten allgemeinen Gleichgewichtsmodelle.

Infolge des akademischen Außenseitertums und der über weite Strecken idiosynkratischen Darstellung wurden die Untersuchungen nur von wenigen Ökonomen beachtet. Dennoch ist die theoriegeschichtliche Bedeutung von Auspitz und Lieben nicht zu unterschätzen. Nebst dem Einfluss ihres Werkes auf Edgeworth und Pareto hatten die beiden Wiener ihren aufmerksamsten Leser in keinem Geringeren als Irving Fisher, der die Untersuchungen neben Jevons’ Theory of Political Economy als eines der beiden Werke nannte, die ihn am meisten beeinflusst hätten. Fisher fand in den Untersuchungen Anregungen und Konzepte, die er für seine bahnbrechende Preistheorie anzuwenden verstand, und leistete damit den Übergang von der älteren Grenznutzentheorie zur modernen Indifferenzkurvenanalyse. Über Fisher flossen damit Pionierleistungen der Außenseiter Auspitz und Lieben in die Hauptrichtung der Preistheorie ein.

Lit.: S. Jäggi: »Die Preistheorie von Auspitz und Lieben«, in: Berner Beiträge zur Nationalökonomie, 63, Bern: Haupt, 1991; J. Niehans/S. Jäggi: Rudolf Auspitz und Richard Lieben und ihre »Untersuchungen über die Theorie des Preises«. Vademecum zu einem Klassiker der Preistheorie, Düsseldorf: Verlag Wirtschaft und Finanzen, 1993; dies.: »Auspitz and Lieben: The Appendices«, in: History of Political Economy, 27/2, 1995, S. 365–386.

Stefan Jäggi

[24]Bagehot, Walter

Der britische Ökonom und Verfassungstheoretiker Walter Bagehot (23.2.1826 bis 24.3.1877) war ein brillanter und produktiver Autor, der u. a. English Constitution (1864), eine klassische Studie über die britische Verfassung schrieb, mit Physics and Politics (1857) einen frühen Versuch unternahm, zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften zu unterscheiden, und zudem zahlreiche ökonomische Schriften verfasste. Lombard Street ist das ökonomische Hauptwerk von Bagehot, der von 1860 bis 1877 Herausgeber des Economist war – der noch heute existierenden Wochenzeitschrift, die sein Schwiegervater James Wilson 1843 gegründet hatte.

Lombard Street

A Description of the Money Market

EA: London: King, 1873. AA: Düsseldorf: Verlag Wirtschaft und Finanzen, 1996 (Faks. d. EA); New York et al.: Wiley, 1999. DA: Lombardstreet. Der Weltmarkt des Geldes in den Londoner Geldhäusern, Leipzig: 1874.

In diesem Buch erläutert Bagehot das Konzept des »lender of last resort«, der in einer finanziellen Krise freigiebig Geld verleiht, da das Erreichen von Begrenzungen die Märkte stört, der andererseits jedoch so hohe Zinssätze verlangt, dass Kreditnehmer und Diskontierer davon abgeschreckt werden, eine Liquidität anzustreben, die nicht wirklich notwendig ist. Kredite sollen Liquidität herstellen und nicht etwa Zahlungsunfähigkeit abwenden, obwohl beides nicht immer klar zu unterscheiden ist. Das Konzept des »lender of last resort« war von Henry Thornton und Sir Francis Baring während der Krisen der Napoleonischen Kriege theoretisch formuliert worden (und nicht von Ricardo, wie Bagehot in einem Artikel von 1856 behauptete). Im 18. Jh. wurde es von der Bank of England und dem britischen Finanzminister erstmals angewandt. In Lombard Street wird das Konzept jedoch erstmals wirklich erläutert.

Bagehot schrieb das Werk zu einer Zeit, als die Finanzkrise von 1866 und der Deutsch-Französische Krieg noch frisch in Erinnerung waren. Auch fanden zu dieser Zeit eine Reihe internationaler Finanzdiskussionen statt, die 1867 in Paris begannen, wo die Vorstellung eines »Universalgeldes« (wenn auch letztlich erfolglos) diskutiert wurde, das auf der Anpassung des Goldgehalts der Währungen verschiedener Länder beruhen sollte, um eine einfache Berechenbarkeit zu gewährleisten. So sollte das Pfund Sterling bei $5 und bei 25 Francs liegen. Bagehot war weniger von der Bequemlichkeit der [25]Umrechnung beeindruckt als von der Rolle eines solchen Universalgeldes als Recheneinheit, durch die Ausländer die englische »Preissprache« verstehen könnten. Und vorausschauend schrieb er bereits in seinem Aufsatz »Universal Money«, letztlich werde die Welt ein Handelsrecht haben, das durch ein einziges Geld symbolisiert werden würde.

Lit.: A. Buchan: The Spare Chancellor. The Life of Walter Bagehot, East Lansing: Michigan State UP, 1960; W. Irvine: Walter Bagehot, Hamden: Archon Books, 1970; N. St. John-Stevas: »Introduction«, in: ders. (Hg.): The Collected Works of Walter Bagehot, Cambridge, MA: Harvard UP, 1978, S. 11–83.

Charles P. Kindleberger

Aus dem Englischen von Wibke Reger

[26]Becker, Gary Stanley

Gary S. Becker, geboren am 2.12.1930 in Pottsville, Pennsylvania, gestorben am 3.5.2014 in Chicago, studierte in Princeton und Chicago und promovierte 1955 an der Universität von Chicago. Zwischen 1957 und 1969 forschte und lehrte er an der Columbia University und arbeitete parallel für das National Bureau of Economic Research in New York City. Während dieser Zeit entstand sein Werk Human Capital. Seit 1970 wirkt er wieder an der Universität von Chicago; 1992 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Becker hat die ökonomische Theorie um zahlreiche Aspekte des menschlichen Verhaltens erweitert, die bis dahin – wenn überhaupt – von sozialwissenschaftlichen Disziplinen wie der Soziologie, der Demographie und der Kriminologie untersucht wurden. Seine Forschung im Bereich des Humankapitals hat Becker 1957 begonnen und die Ergebnisse sieben Jahre später in seinem Werk Human Capital veröffentlicht.

Human Capital

EA: New York et al.: National Bureau of Economic Research, 1964. AA: Chicago-London: U of Chicago Pr., 3. erw. Aufl., 1993.

Human Capital gliedert sich in drei Teile. In Teil I entwickelt Becker eine allgemeine Theorie, welche die Auswirkungen von Humankapitalinvestitionen aufzeigen soll. Er geht auf verschiedene Arten der Humankapitalentwicklung ein, wie u. a. formelle Ausbildung, Berufserfahrung, medizinische Versorgung und Migration und erklärt das dadurch beeinflusste monetäre bzw. psychische Einkommen, auch unter Berücksichtigung des Zeitfaktors. Kosten und Nutzen der Investition in Humankapital entstehen seiner Meinung nach bei Individuen, Unternehmen und dem Staat. Diese theoretische Analyse führt zu einer empirischen Untersuchung in Teil II. Becker misst zahlreiche Effekte von Humankapitalinvestitionen. So werden die Einkommen von Collegeabsolventen mit deren Bildungsinvestitionen verglichen, wobei zwischen Geschlechtern, Hautfarbe und Wohnort differenziert wird (Kap. V). Auch die »rates of return« von Investitionen in eine High-School- Ausbildung werden untersucht (Kap. VII) und die Entwicklung von Bildungsinvestitionen mit Lebensalter und Wohlstand in Beziehung gesetzt (Kap. VIII). Becker kommt zu dem Ergebnis, dass im Allgemeinen eine enge positive Korrelation zwischen dem Humankapital und dem individuellen Einkommen und gesellschaftlichem Nutzen besteht. Am höchsten sind die »rates of return« einer High-School-Ausbildung. Innerhalb der einzelnen Ausbildungsarten bestehen jedoch beträchtliche Unterschiede. So beträgt die durchschnittliche »rate of return« von Investitionen in ein College-Stu[27]dium 10 bis 12 % p.a., wobei sie für hellhäutige Männer aus der Stadt weit über dem Durchschnitt liegt. Auch innerhalb der jeweiligen Gruppen sind die Unterschiede hoch, was eine Prognose des individuellen Einkommens bei der Wahl der Humankapitalinvestition erschwert. In Teil III seines Buches beschäftigt sich Becker mit der Verbindung von Humankapital und der Entwicklung von Familien (Kapitel X), wobei eine intergenerative Nutzenmaximierung untersucht wird. Kapitel XI diskutiert sowohl intra- als auch intersektoral Fragen im Bereich Arbeitsteilung und Humankapital und Kapitel XII analysiert die Verbindung zwischen Humankapital, Fertilität und Wirtschaftswachstum.

Zu Zeiten der ersten Auflage seines Buches wurde die Bedeutung des Humankapitals für die wirtschaftliche Entwicklung gerade erst im Rahmen der neoklassischen Wachstumstheorie entdeckt. Die Zunahme von Kapital erklärte das Wirtschaftswachstum nur zu einem kleinen Teil. Andere Einflussfaktoren wurden untersucht und hochkontrovers diskutiert. Neben Becker haben sich Theodore Schultz und Jakob Mincer mit der Bedeutung des Humankapitals beschäftigt. Mittlerweile hat die Literatur zu diesem Themenbereich immens zugenommen und heute ist die Bedeutung des Humankapitals für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung unbestritten. Becker hat mit Human Capital einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet. Seine mikroökonomisch fundierte Theorie ist in der Lage, auch Handelsströme zwischen einzelnen Staaten mit Hilfe des Humankapitalansatzes besser zu erklären als es über Unterschiede in der Realkapitalausstattung möglich war. Es ist ihm gelungen, Theorie und Empirie in sinnvoller Weise zu verbinden.

Lit.: J. Mincer: »Investment in Human Capital and Personal Income Distribution«, in: Journal of Political Economy, 66/4, 1958, S. 281–302; T.W. Schultz: »Education and Economic Growth«, in: N.B. Henry (Hg.): Social Forces Influencing American Education, Chicago: U of Chicago Pr., 1961; T.O. Davenport: Human Capital. What It Is and Why People Invest It, San Francisco: Jossey Bass, 1999; R.A. Swanson/E.F. Holton, III. (Hg.): Human Resource Development Research Handbook. Linking Research and Practice, San Francisco: Berrett-Koehler, 1997.

Werner Lachmann

[28]Bertrand, Joseph Louis François

Der Mathematiker Joseph Bertrand (11.3.1822 bis 5.4.1900) wurde bekannt für vielfältige Anwendungen mathematischer Techniken (insbesondere der Differentialgleichungen) auf verschiedenste Gebiete wie z. B. die Thermodynamik. Auch seine Arbeiten zur statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnung, zur Kurventheorie und der Oberflächentheorie begründeten seinen Ruf.

»Théorie mathématique de la richesse sociale« par Leon Walras. »Recherches sur les principes mathématiques de la théorie des richesses« par Augustin Cournot

EA: in: Journal des Savants, September 1883, S. 499–508.

In diesem wichtigsten volkswirtschaftlichen Beitrag Bertrands, einer allgemeinen Kritik an der damaligen mathematischen Ökonomie, führt er Wettbewerb in Preisen statt in Mengen ein. Der Artikel kritisiert Walras und Cournot, die beide in ihren Modellen von einem Mengenwettbewerb ausgehen. Die Einführung dieses neuen Wettbewerbsmodells (Bertrand-Wettbewerb) resultiert in der Vorhersage eines effizienten Gleichgewichtspreises. Walras ging von vielen wirtschaftlichen Akteuren aus, welche Mengen an Gütern oder Dienstleistungen angeben, die sie zu jedem möglichen Preis anbieten oder nachfragen. Ein (walrasianischer) Auktionator sammelt diese Angebote bzw. Nachfragen und legt einen Preis fest, bei dem sich Angebot und Nachfrage genau ausgleichen (Walras-Gleichgewicht). Keiner der Akteure kann durch Änderung seiner Nachfrage oder seines Angebotes diesen Preis beeinflussen. Diese Allokation ist Pareto-effizient. Cournot verwies 1838 darauf, dass in der Wirtschaft oft Situationen auftreten, in denen ein oder mehrere Akteure durch Änderungen der angebotenen (nachgefragten) Mengen den Preis beeinflussen. Neben dem Monopol analysierte er dabei auch das Duopol (Oligopol). Das Cournot-Gleichgewicht beschreibt die Mengen, welche die Duopolisten anbieten. Unter seinen Annahmen ergibt sich eine Allokation, die nicht Pareto-effizient ist. Bertrand argumentiert nun, dass Akteure Preise und nicht Angebotsmengen wählen. Legt man dieses Modell zugrunde, so lässt sich zeigen, dass sich – bei Wettbewerb in Preisen (Bertrand-Wettbewerb) statt in Mengen (Cournot-Wettbewerb) – dieselben [29]Preise wie im Walras-Gleichgewicht ergeben. Demnach genügt eine geringe Zahl von konkurrierenden Anbietern (zwei), um eine effiziente Allokation zu erhalten.

Bertrands Modell ist von großer Bedeutung in der modernen Industrieökonomie und wird in jedem Textbuch der Mikroökonomie oder Industrieökonomie besprochen. Es scheint realitätsnäher als Cournots Modell und ist teilweise analytisch leichter zu handhaben. Im Rahmen der neoliberalen Wirtschaftspolitik wird es häufig verwendet, um gegen die Regulierung von Oligopolen zu argumentieren (»In Chicago two is enough« – in Anspielung auf die Chicagoer Schule, welche insbesondere diesem Paradigma anhängt). Kritisiert wird an diesem Argument die Ausklammerung der Möglichkeit von Absprachen unter den Anbietern (Kartellbildung), um den Wettbewerb zu umgehen. Dieser Einwand ist aber gegenüber jeglichem Wettbewerb einer geringen Zahl von Anbietern möglich und verliert an Bedeutung, wenn die Zahl der Konkurrenten wächst (dies ist auch in Cournots Modell, welches als sich »selbst durchsetzende« Kollusion gedeutet werden kann, ersichtlich). Kreps und Scheinkman (1983) stützen Cournots Modell. Sie sehen zeitlich vorhergehende (längerfristige) Kapazitätsentscheidungen als Grund dafür, dass in vielen Fällen ein Wettbewerb in Angebotsmengen herrscht und die Preise sich somit in Abhängigkeit der Mengen (bzw. Kapazitäten) ergeben. Auch diese Arbeit, 100 Jahre nach Bertrands Aufsatz veröffentlicht, hat erheblichen Anklang gefunden und belegt damit die Bedeutung von Bertrands Beitrag. Abschließend sei noch erwähnt, dass nicht wenige Autoren die Beiträge Cournots und Bertrands als wesentlich für die Entwicklung der Spieltheorie ansehen.

Lit.: D. Kreps/J. Scheinkman: »Quantity Precommitment and Bertrand Competition Yield Cournot Outcomes«, in: Bell Journal of Economics, 14, 1983, S. 326–337; J. Roberts: »Perfectly and Imperfectly Competitive Markets«, in: J. Eatwell/M. Milgate/P. Newman (Hg.): The New Palgrave. A Dictionary of Economics, New York-London: Macmillan, 1989; J. Tirole: Industrieökonomik, München: Oldenbourg, 21999.

Uwe Dulleck