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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft - Steuern - Recht GmbH

[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Print: ISBN 978-3-7910-4595-5 Bestell-Nr. 10341-0001
ePub: ISBN 978-3-7910-4596-2 Bestell-Nr. 10341-0100
ePDF: ISBN 978-3-7910-4597-9 Bestell-Nr. 10341-0150

Dieter Krimphove (Hrsg.)

Fintechs – Rechtliche Grundlagen moderner Finanztechnologien

1. Auflage 2019

© 2019 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH

www.schaeffer-poeschel.de

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Bildnachweis (Cover): © Lukasz Stefanski, shutterstock

Produktmanagement: Marita Mollenhauer

Lektorat: Jana Hartlaub

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

[5]Vorwort

Warum ein Buch über Rechtsfragen der Fintechs?

Publikationen zum Thema »Fintechs« – oder über die in der Versicherungswirtschaft als Insurtechs, in der Vermögensverwaltung als Wealthtech und im Zahlungsverkehr als Paytech bezeichneten Technologien – gibt es mehr als genug. Zudem genügt auch hier – wie so oft –ein Blick ins Internet, um fündig zu werden.

Die Besonderheit und ihr Alleinstellungsmerkmal vorliegender Veröffentlichung gegenüber dem bisher bekannten Literaturangebot liegt in der Darstellung moderner Finanztechnologien, eben den Fintechs, im Zusammenhang mit deren rechtlichen Grenzen und Möglichkeiten.

Dieser inhaltliche Bezug scheint bereits in der aktuell verstärkten Auseinandersetzung mit dem Phänomen des sog. Legal Techs (Krimphove/Niehaus 2018, S. 249 ff.) vorgezeichnet; jedoch sind Legal Techs etwas anderes und von Fintechs zu unterscheidenden: Während Legal Techs bisher bekannte juristische Arbeitsschritte mit Hilfe des in den letzten 20 Jahren stark angestiegenen Potentials elektronischer Datenverarbeitung (siehe: Legal Tech Blog (2016), automatisieren und unterstützen, stellen Financial Technologies (die sog. Fintechs) computertechnisch unterstütze Finanzdienstleistungen dar, welche die Beschaffung von Kapital – im Internet – ermöglichen. Fintechs fehlt damit – per definitionem – ihre Relation zum Recht.

Dennoch stehen Fintechs – wie Algo-Trading, Amazon Pay, Auto-Trading, Bitcoins, Copy-Trading, Crowdfunding, Crowdlending, Crowdinvesting, Ether, Flash-Trading, Kryptowährung, Paydirekt, PayPal, Paytech, Peer-to-Peer-Insurance, Peer-to-Peer-Kredit, Robo-Advisory, Sozial-Trading, Wealthtech u.v.a.m. (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria: (2017)) nicht isoliert im rechtsfreien Raum oder jenseits des juristischen, rechtspraktischen und/oder rechtspolitischen Interesses. Wie andere Phänomene zeigen Fintechs – oder wie sie im Versicherungswesen genannt werden, Insurtechs – soziale Wirkungen, die sich an den Rechtsstandards eines Wirtschafts- und Rechtssystems zu orientieren haben und an ihnen gemessen werden. Beispielsweise bringen Fintechs auf unterschiedliche Weise Nachfrager und Anbieter zusammen. Sie koordinieren deren Wirtschaftsverhalten, tragen in Sekundenbruchteilen zu diversen Vertragsschlüssen bei, transferieren Eigentum bzw. Geld und gewährleisten so nicht nur das Entstehen von vertraglichen Verpflichtungen, sondern auch die Erfüllung von Verträgen in »Echt-Zeit«. Damit werfen Fintechs Fragen nicht nur des Allgemeinen Schuldrechts, des Kauf-, Schenkungs- bzw. des Eigentumserwerbs- und Erfüllungsrechts, sondern auch des Kartell-, Gesellschafts-, aber auch des Währungs-, Wertpapier-, des Finanz- bzw. des Finanzaufsichtsrechts sowie des Rechts des Geistigen Eigentumsschutzes und des Medien- wie des Datenschutzrechtes und auch des Steuer- und Arbeitsrechts auf. Die möglichen Auswirkungen dieser neuen Finanztechnologien reichen sogar ins Staats-, Straf- und Ordnungsrecht. Da Fintechs sich der weltweit zugänglichen Internet-Technologie bedienen und eine Vielzahl von Nutzern auf nationalen wie auf grenzüber[6]schreitenden, internationalen Märkten ansprechen, berühren Fintechs nicht nur Problemstellungen nationaler Märkte nationaler Rechtordnungen, sondern ebenso die des Europarechts oder des Internationalen Privatrechts (IPR).

Dieser komplexen Vielfalt der Rechtsfragen von Fintechs widmet sich der vorliegende Band. Er unternimmt damit – erstmals im deutschen Sprachraum – die Aufgabe, das »Recht der Fintechs« praxisnah wie umfassend darzustellen, um so für den internationalen, europäischen oder nationalen Gesetzgeber, Industrie- und Arbeitnehmerverbände sowie gesellschaftliche Entscheidungsträger Anregungen zur Steuerung ihres Umgangs mit Fintechs anzubieten. Aber auch die Rechtsprechung und die Aufsichtsverwaltungen im In- und Ausland sollen einen nachhaltigen Überblick über das Phänomen »Fintechs« bzw. »Insurtechs« erhalten, um in Konfliktfällen die hier angebotenen Ergebnisse bzw. Argumentationsmuster und Zusammenhänge argumentativ nutzen zu können. Schließlich dient dieses Werk allen Studierenden und Wissenschaftlern, insbesondere wirtschaftswissenschaftlicher wie juristischer und sozialwissenschaftlicher Disziplinen, ihren aktuellen Zugang zu dem faszinierenden und neuen Forschungsgebiet »Fintech und/oder der Insurtechs« zu entdecken.

Einen für den Herausgeber weiteren und besonders drängenden Anlass, dieses Buch zu veröffentlichen, möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen. Dieser besteht zum einen in der derzeitigen (partiellen) Unkenntnis zahlreicher Fintech-Anbieter in die rechtliche Bedeutung von Fintechs sowie in dem entsprechenden flehenden Problembewusstsein der rechtlichen Qualität von Fintechs. Fragen bei meinen Recherchen und meiner Autorensuche bei zahlreichen Verbänden, Banken und Versicherungen wie »Was hat denn Fintech mit Recht zu tun?«, Bei uns gehen Fintechs nur über die EDV-Abteilung« oder »Fintechs waren bei uns nie Anlass für Rechts oder Compliance-Fragen« machen bemerkenswert deutlich, wie nötig das vorliegende Werk ist. Erschreckt haben mich in diesem Zusammenhang die zahlreichen Absagen potentieller Autoren der Aufsichtsorganisationen und Verbände. Obschon diese ihre Nicht-Beteiligung an diesem Werk häufig mit starker Arbeitsüberlastung begründen, haben ihre Absagen die Ursache in der Verzagtheit, Furchtsamkeit, Unsicherheit und auch dem Argwohn, sich zu einem, sich im Entstehen befindlichen Rechtsgebiet, verbindlich und belastbar zu äußern. Eine solche Kleinmütigkeit ist aus Sicht autoritär organisierter Interessensverbände und Behörden verstehbar, kommt aber deren Funktion nicht nach. Gerade staatliche Aufsichtsbehörden ignorieren die Gelegenheit, sich frühzeitig in eine Diskussion um die Regulierung und Reglementierung von Fintechs einzuschalten und/oder gar ihre Vorgehensweise transparent zu machen.

Umso erleichterter bin ich, für das vorliegende Werk Autoren geworben zu haben, die nicht nur sachkundig über die Rechtsaspekte einzelner Fintechs berichten, sondern die auch, entsprechend ihrer beruflichen Provenienz, den Einsatz von Fintechs in der Praxis kennen und juristisch/ökonomisch beurteilen können. Gerade diese »interdisziplinäre Dimension« eröffnet – neben der fachkundigen verlässlichen und belastbaren Information – die weitere Funktion [7]des vorliegenden Buches, Forum der Diskussion und nachhaltiger Anregungen insbesondere für Gesetzgeber, Rechtsprechung, Aufsichtsverwaltung zu sein.

In diesem Sinne, und um eine Vielgestaltigkeit der Problematik nachzuspüren, gliedert sich das Werk in mehrere Teile:

Das erste Kapitel gewährt einen Überblick über die wirtschaftliche rechtliche und soziale Bedeutung der Fintechs. Es berichtet über die Erscheinungs- und vielfältigen Einsatzformen der Fintechs ebenso wie über Ihre soziale, wirtschaftliche Wirkung im europäischen Wirtschaftsraum. Hierbei stehen auch der europarechtliche Bezug zur Bewertung der künftigen Rechtslage und die Darstellung der europäischen Rechtsetzungsinitiativen im Fokus. Eine Hauptanforderung an die Rechtsentwicklung stellt in diesem Zusammenhang die Europäisierung des Aufsichtsrechts, aber auch die Notwendigkeit der Anwendung privaten wie ausländischen Rechts dar.

Kapitel zwei setzt sich mit den verfassungsrechtlichen, strafrechtlichen, marktmissbrauchsrechtlichen Aspekten des Einsatzes von Fintechs auseinander, während sich das Kapitel drei der Beleuchtung einzelner, spezieller Fintechs bzw. deren spezialrechtlicher Aspekte widmet.

Das Kapitel vier beleuchtet den Einsatz von Fintechs bzw. Insurtechs in den ausgewählten Wirtschaftszweigen der Industrie, des Handels und der Finanzdienstleistungen.

Abschließend fokussiert Kapitel fünf den Prozess der bisherigen Fintech-Aufsicht und stellt ihm ein neues aufsichtsrechtliches Verfahren gegenüber.

Dem Leser sei mit dieser Gesamtschau nicht nur eine Einführung in die komplexe Thematik der Fintechs und ihrer Rechtsaspekte, sondern auch in jene detailreiche Dokumentation des Themas in allen seinen Aspekten gewährt, deren Aussagequalität es ihm neben dem juristischen zuverlässigen Umgang mit Fintechs auch erlaubt, künftige Rechtsentwicklungen auf diesem Rechtsgebiet sicher zu prognostizieren und zuverlässig zu bearbeiten.

Münster, Juni 2019

Dieter Krimphove

[11]Digitalisierung im europäischen Dienstleistungssektor – die Grundlage von Fintech

Irene Mandl*

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Strukturelle Entwicklungen im europäischen Dienstleistungsbereich

2.1 Restrukturierung durch Digitalisierung

2.2 Auswirkungen auf die Beschäftigung

3 Blockchain – ein Anwendungsbeispiel für Fintech

3.1 Definition, Charakteristika und Entwicklungsstand

3.2 Treibende und hemmende Faktoren für die Anwendung von Blockchain

3.3 Anwendung von Blockchain im Dienstleistungsbereich

3.4 Erwartete Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt

4 Abschließende Betrachtungen

[13]1 Einleitung

Digitalisierung und technologischer Fortschritt werden generell als einer der »Megatrends« betrachtet, die die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklung in Europa – und darüber hinaus – prägen. Wenngleich dieser Trend keine Neuheit ist, hat er in den letzten Jahren dadurch an Bedeutung gewonnen, dass technologische Innovationen vielfach umfassender eingesetzt werden können. Dadurch haben sie Auswirkungen auf die meisten Wirtschaftsbereiche, führen zu einer allgemeinen Beschleunigung des technologischen Wandels (vielfach als »digitale Revolution« bezeichnet) und erfordern eine Anpassung unserer Arbeitsweisen und Arbeitsorganisation, Lebensgewohnheiten sowie der gegenwärtigen Institutionen und Regelungen (Eurofound 2018a; 2018b).

Die technologischen Entwicklungen – nicht zuletzt die steigende Nutzung des Internet und damit verbundener Technologien – können sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft haben. Da einige dieser Innovationen allerdings jung, bislang wenig verbreitet, dabei aber »game-changing« sind (d.h. es wird erwartet, dass sie substanzielle – disruptive – Änderungen im Produktions- und Dienstleistungsprozess und/oder im »gesellschaftlichen Miteinander« mit sich bringen), ist es zum aktuellen Zeitpunkt schwierig, ihre Implikationen umfassend abzuschätzen (Eurofound 2018a). Die Entwicklung eines besseren Verständnisses für diese Technologien ist somit eine notwendige Voraussetzung für die Politik, die gegenwärtigen Strukturen und Regelwerke auf ihre Zukunftstauglichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Dabei sollte berücksichtigt werden, dass unterschiedliche Technologien unterschiedliche Auswirkungen haben können und selbst die gleiche Technologie verschiedene Implikationen in spezifischen Wirtschaftsbereichen haben kann. Eine differenzierte Betrachtung, Analyse und Diskussion ist somit empfehlenswert. Während vielfach diskutiert wird, wie die neuen Technologien die Sachgüterproduktion beeinflussen könnte, hat der Dienstleistungsbereich in diesem Zusammenhang bislang noch wenig Aufmerksamkeit erhalten. Da davon auszugehen ist, dass sich der technologische Wandel auch auf diesen Wirtschaftsbereich auswirken wird und der Dienstleistungssektor für die europäische Wirtschaftsentwicklung von steigender Bedeutung ist, wird ein besseres Verständnis der Auswirkung der Digitalisierung auf die Erbringung von Dienstleistungen in Zukunft wesentlich dazu beitragen, ob es uns gelingt, die den Technologien inhärenten Vorteile für Wirtschaft und Gesellschaft zu realisieren (Eurofound 2018a).

Dieser Artikel zielt darauf ab, zur Schließung dieser Wissenslücke beizutragen. Um der o.a. Forderung nach spezifischer Diskussion Genüge zu tun, wird dabei auf den Fintech-Bereich fokussiert. Fintech umfasst dabei jene Technologien, die durch Nutzung elektronischer Datenverarbeitung die Beschaffung und Administration von Kapital bzw. Kapitalflüssen im virtuellen Raum ermöglichen. Während somit die Technologie im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wird im ersten Abschnitt des Artikels eine sektorale bzw. berufsgruppenspezifische Analyse durch[14]geführt, um exemplarisch aufzuzeigen, wie Digitalisierung den strukturellen Wandel bzw. die Arbeitsinhalte bestimmter Berufsgruppen beeinflusst.

Der zweite Abschnitt des Artikels beschäftigt sich mit einer spezifischen Technologie – Blockchain – die als »game-changing« für den Fintech-Bereich angesehen werden kann. Die Analyse gibt einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand der Entwicklung und Anwendung dieser Technologie sowie erste Indikationen der potenziellen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

2 Strukturelle Entwicklungen im europäischen Dienstleistungsbereich

2.1 Restrukturierung durch Digitalisierung

Europa ist von einer Tertiärisierung der Wirtschaft gekennzeichnet, d.h. einer steigenden Bedeutung des Dienstleistungsbereichs und einer sinkenden Bedeutung der Sachgüterproduktion und der Landwirtschaft. Der Dienstleistungssektor ist mittlerweile für mehr als 70% der Beschäftigung sowie des Bruttonationalprodukts und der Wertschöpfung, und etwa 90% der Arbeitsplatzschaffung verantwortlich (Eurofound 2018c, 2019; Stewart et al. 2019). Innerhalb Europas ist die relative Bedeutung des Dienstleistungssektors insbesondere in Luxemburg, Zypern, Malta, Griechenland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Portugal, Dänemark und Spanien hervorzuheben (Anteil von mindestens 75% an der Wertschöpfung) (Stewart et al. 2019).

Die steigende Bedeutung des Dienstleistungssektors kann u.a. auch auf dessen wachsende Innovationsfähigkeit zurückgeführt werden. Uppenberg und Strauss (2019) nennen drei Faktoren, die für diese Entwicklung maßgeblich sind: Investitionen in Infrastruktur (Gebäude, aber auch Informations- und Kommunikationstechnologie), immaterielles Kapital (z.B. neue Organisationsstrukturen, Geschäftsmodelle und Serviceprodukte) und Innovationen im Umgang mit Kunden, Lieferanten und Konkurrenten.

Jüngste Entwicklungen in einigen Dienstleistungsbereichen (z.B. Online-Kurse im Bildungsbereich, Telemedizin oder Haushaltsroboter im Gesundheitsbereich, fahrerloser Transport) deuten darauf hin, dass die Anwendung moderner Technologien die Dienstleistungserbringung, die bislang stark humanzentriert war, in Zukunft revolutionieren könnten (Eurofound 2017).

Eurofound’s Europäischer Restrukturierungsmonitor (European Restructuring Monitor, ERM) illustriert auf Basis von großen Restrukturierungsfällen (mindestens 100 angekündigte Arbeits[15]platzverluste oder –schaffungen) innerhalb Europas, dass Digitalisierung einer der treibenden Faktoren für den strukturellen Wandel in der europäischen Wirtschaft ist (Eurofound 2019). Die meisten jener Restrukturierungsfälle, die mit Arbeitsplatzschaffung verbunden sind, weisen einen starken Bezug zu Digitalisierung auf.

Beispiele für Restrukturierung durch Digitalisierung im europäischen Dienstleistungssektor

Im Jahr 2018 kündigte Thales, eines der führenden französischen Unternehmen im Bereich sicherer Kommunikationssysteme an, weltweit 5.000 MitarbeiterInnen zu rekrutieren. Das Unternehmen sucht in erster Linie nach IngenieurInnen und ForschungsleiterInnen und plant die Expansion seines Artificial Intelligence Teams von 150 auf 180 MitarbeiterInnen. Auf Grund der steigenden Bedrohung durch Cyberattacken realisiert das Unternehmen steigende Nachfrage nach seinem Cybersecurity-Geschäftsbereich, der weltweit mit 400 Spezialisten aufgestockt werden soll.

Im Gesundheitsbereich hat das französisch-deutsche Start-up Doctolib angekündigt, mindestens 400 neue MitarbeiterInnen anzustellen. Das Unternehmen hat eine Online-Terminvereinbarungsplattform für ÄrztInnen entwickelt, die mittlerweile 20 Millionen Patientenbesuche pro Monat verzeichnet.

Im Gegensatz zu diesen positiven Beispielen hat Vodafon im September 2018 angekündigt, 1.700 Arbeitsplätze in Ägypten, Indien und Rumänien abzubauen. Dies betrifft in erster Linie Back-Office-Funktionen, die durch Roboter/Automatisierung ersetzt werden sollen.

Quelle: Eurofound 2019

Der Finanzdienstleistungssektor ist in der letzten Dekade von einer umfassenden Transformation gekennzeichnet (Eurofound 2019; Dietz et al. 2018). Während diese ursprünglich auf die globale Wirtschaftskrise zurückzuführen war, wird sie in den letzten Jahren in erster Linie durch den Druck zu Digitalisierung begründet. CBI Insights/McKinsey analytics weisen z.B. darauf hin, dass die weltweiten Fintech Investitionen von rd. $ 1,8 Milliarden im Jahr 2011 auf rd. $ 14,9 Milliarden im Jahr 2017 gestiegen sind (Galvin et al. 2018). Neue, digitale Anbieter (z.B. im Bereich der Plattformwirtschaft) betreten in zunehmendem Ausmaß den Markt, bzw. werden traditionelle Dienstleistungsangebote durch digitale ersetzt, wodurch sich die Kundenbeziehungen ändern und die Gewinnspannen sinken (Dietz et al. 2018). Die digitalen Anbieter profitieren nicht nur davon, dass sie Daten effektiv und effizient nutzen, sondern verzeichnen auch deutliche Erfolge darin, den KundInnen bessere Vorteile zu bieten (z.B. Kostenreduktion, bequemere Abwicklung) als traditionelle Organisationen. Die Restrukturierung dieses Sektors kann als »kreative Zerstörung« betrachtet werden, in der manche traditionelle Jobprofile durch neue ersetzt werden, die einen stärkeren Fokus auf digitale Kompetenzen haben.

[16]Restrukturierung der Lloyds Bankengruppe im Vereinigten Königreich

Die britische Bankengruppe Lloyds kündigte im Jahr 2018 die Freisetzung von über 6.000 MitarbeiterInnen an, während gleichzeitig rd. 8.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Das Unternehmen plant Investitionen im Ausmaß von mehr als EUR 3 Milliarden in Technologien und MitarbeiterInnen, um seine digitalen Dienstleistungen zu verbessern. Diese Tendenz kann generell bei den weltweit größten Bankunternehmen beobachtet werden, die von steigenden Online-Geschäften und sinkendem »physischen« Kundenverkehr gekennzeichnet sind. Zwischen 2008 und 2017 sank die Zahl der Bankfilialen innerhalb der EU um rd. ein Viertel, von rd. 237.000 auf 183.000. Etwa 60% der KundInnen von Lloyds nutzen manchmal oder ausschließlich online Bankdienste. Lloyds hat viele seiner Filialen »geschrumpft«. In einigen sind nun noch zwei MitarbeiterInnen tätig, die – ausgestattet mit mobilen Tablets – den KundInnen bei ihren Transaktionen helfen.

Lloyds beabsichtigt, 75% der neuen Positionen mit bestehendem Personal zu besetzen, die dafür umfassende Weiterbildungsmaßnahmen durchlaufen sollen. SpezialistInnen, wie DatenwissenschaftlerInnen oder SoftwareingenieurInnen, sollen extern rekrutiert werden.

Quelle: Eurofound 2019; Tzortzakis 2018

Neben dem Finanzbereich ist auch der Handel von spezifischer Bedeutung bei der Diskussion von Fintech. Ähnlich wie bei den Finanzdienstleistungen zeigt sich ein deutlicher Trend zum Online Handel. In 2018 haben fast 268 Millionen europäischer KonsumentInnen Online-Käufe im Ausmaß von EUR 198 Milliarden getätigt (PostNord 2018). Dies entspricht einer Steigerung um 9,4% gegenüber 2017. Große und globale Anbieter, wie Amazon, diversifizieren zunehmend, und dies nicht nur, was ihr Handelsportfolio betrifft, sondern auch in andere Wirtschaftsbereiche (z.B. Medien und Unterhaltung, Web Services wie Cloud Computing, Logistik oder Finanzdienstleistungen) (Eurofound 2019). Dies könnte umfassende Auswirkungen auf die traditionellen Anbieter in diesen Sektoren haben. So zeigt sich z.B., dass im Jahr 2018 alleine im Vereinigten Königreich mehr als 1.200 Einzelhandelsfilialen geschlossen wurden, darunter auch von großen und etablierten Anbietern wie Debenhams, Poundworld oder House of Frasers.

Amazon’s Expansion in Europa

Der europäische Markt stellt einen bedeutenden Geschäftsbereich für das Online-Handelsunternehmen Amazon dar. Seit 2010 hat Amazon etwa EUR 24 Milliarden in Infrastruktur, Grundstücke, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in der EU investiert. Im selben Zeitraum erfasste der Europäische Restrukturierungsmonitor rd. 60 mit Amazon verbundene Restrukturierungsfälle in Europa. Alle betrafen Expansionspläne, die in ihrer Gesamtheit Ankündigungen von etwa 64.000 Arbeitsplätzen ausmachten. Im Jahr 2018 schuf Ama[17]zon rd. 18.000 neue Jobs in Europa, in erster Linie in Österreich, Tschechien, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, Polen und dem Vereinigten Königreich. Die meisten der neuen Arbeitsplätze betreffen unbefristete Vollzeitsarbeitsverträge in den verschiedensten Rollen (z.B. Software- und NetzwerkingenieurInnen, DatenspezialistInnen, Personalabteilung, FinanzspezialistInnen, FahrerInnen).

Seitens der Gewerkschaften und der Politik werden allerdings Bedenken bezüglich der Arbeitsbedingungen im Unternehmen geäußert, die im November 2018 auch in Streiks in einigen europäischen Ländern resultierten. Amazon-MitarbeiterInnen forderten dabei bessere Arbeitsbedingungen und Gehälter, in Anbetracht der Ablehnung des Unternehmens, diese mit der Belegschaft zu verhandeln.

Interessanterweise wird die schnelle Expansion von Amazon von umfassenden Investitionen in Roboter, die menschliche Arbeitskräfte ersetzen, begleitet. Im Januar 2019 wurde z.B. eine Vereinbarung mit einem Roboterproduzenten getroffen, der Amazon mit selbstfahrenden Gabelstaplern beliefern soll. Per Februar 2019 setzt Amazon mehr als 100.000 Roboter in seinen Zentren in aller Welt ein – ein Prozess, der zu Kostenreduktion und schnelleren Lieferzeiten führte.

Quelle: Eurofound 2019

2.2 Auswirkungen auf die Beschäftigung

Der langfristige (Beschäftigungs-)Trend in Richtung Dienstleistungssektor hat sich während/nach der großen Rezession tendenziell beschleunigt. Dies ist insbesondere damit zu begründen, dass der Großteil der durch die Wirtschaftskrise verursachten Arbeitsplatzverluste den produzierenden Bereich und das Bauwesen betraf. Der Dienstleistungssektor in der EU wies zwischen 2008 und 2013 ein jährliches Beschäftigungswachstum von 0,25% auf, und wächst seitdem um durchschnittlich 1,6% jährlich (Eurofound 2017).

Während einige Dienstleistungsbereiche, wie etwa das Gesundheitswesen, der öffentliche Bildungsbereich, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen auch während der Rezession signifikantes Beschäftigungswachstum verzeichneten, blieb das Beschäftigungsniveau im Handel und in den Finanzdienstleistungen zwischen 2008 und 2017 annähernd konstant. Die größere Beschäftigungsstabilität im Dienstleistungsbereich (im Vergleich zur Sachgüterproduktion oder der Landwirtschaft) wird weitgehend mit der größeren Bedeutung des menschlichen Faktors in der Leistungserbringung erklärt, der geringere Produktivitätssteigerungsmöglichkeiten durch technologische Automatisierung erlaubt (Eurofound 2017).

Im Allgemeinen sind die wachsenden Sektoren von höher qualifizierten Beschäftigungsprofilen gekennzeichnet (Eurofound 2018c). Dies zeigt sich auch bei der Betrachtung einzelner Berufe. [18]Während z.B. zwischen 2011 und 2016 ein durchschnittlicher jährlicher Rückgang der Beschäftigung von KundenberaterInnen im Finanzdienstleistungssektor oder des Verkaufspersonals im Großhandel zu verzeichnen ist, kam es zu einem deutlichen Anstieg der Beschäftigung von Verwaltungspersonal im Finanzdienstleistungssektor oder von IKT-Personal. Diese Entwicklung kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass auch im Dienstleistungsbereich zunehmend Möglichkeiten gefunden werden, Routinetätigkeiten zu automatisieren und die menschliche Arbeitsleistung durch Technologien zu ersetzen.

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Abb. 1: Beschäftigung (in Mio, 2016) und durchschnittliche jährliche Beschäftigungsentwicklung (2011-2016) in ausgewählten Berufen, EU (Quelle: EU-LFS, SES; Daten übernommen von Eurofound 2017)

Zwischen 1995 und 2015 zeigt sich europaweit ein genereller Trend der stärkeren Computernutzung in der Arbeitswelt, Routinetätigkeiten stiegen und Aufgaben, die physische Kraftanstrengung erfordern, sanken (Bisello et al. 2019). Während die Computernutzung um rd. 64% stieg, erhöhten sich die spezifischen Computerberufe lediglich um 6%. Dies deutet darauf hin, dass Computer nun in nahezu allen Berufen vermehrt genutzt werden. Hinsichtlich der Routinetätigkeiten findet sich ein Rückgang an Beschäftigung in Berufen, die ein hohes Niveau an Routine beinhalten (da diese leichter automatisiert werden können). Gleichzeitig führt die Digitalisierung aber zu einer Steigerung an Routinetätigkeiten in allen anderen Berufen (da z.B. Tätigkeiten durch die modernen Technologien stärker standardisiert werden können). Das resultiert paradoxerweise in einer Situation, in der Jobs mit einer höheren Computernutzung dazu tendieren, weniger repetitiv zu sein als Jobs mit einer geringeren Computernutzung; aber innerhalb jedes Jobs verzeichnen Beschäftigte, die den Computer mehr nutzen, mehr repetitive Aufgaben als ihre KollegInnen mit weniger Computernutzung.

Bei einer sektoralen Betrachtung zeigen Finanzdienstleistungen, der Immobiliensektor und Unternehmensdienstleistungen sowie die öffentliche Verwaltung die deutlichsten Entwicklun[19]gen (Bisello et al. 2019). Die externe soziale Interaktion (z.B. mit KundInnen oder Geschäftspartnern) sank in diesen Bereichen zwischen 20% und fast 30%. In den Finanzdienstleistungen kommt die zunehmende Standardisierung der Arbeitsaufgaben am deutlichsten zum Tragen (+41% in den betrachteten 20 Jahren), während die relative Zunahme der Computernutzung hier vergleichsweise gering ist – was darauf zurückzuführen ist, dass die Computernutzung in diesem Sektor zu jedem Zeitpunkt sehr hoch ist.

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Abb. 2: Veränderung ausgewählter Aufgaben in ausgewählten Sektoren, EU-15, 1995-2015 (Quelle: Bisello et al. 2019, basierend auf Daten der European Working Conditions Survey und des European Jobs Monitor)

Wie bereits weiter oben angedeutet, prägt die Digitalisierung auch die einzelnen Berufsbilder. Online und mobile Bankgeschäfte stellen andere Ansprüche an das Personal im Finanzsektor, ebenso wie die Tatsache, dass Informationen digital verwaltet und Prozesse zunehmend automatisiert oder mit Hilfe von Algorithmen abgewickelt werden (Nature 2015; Brynjolfsson et al. 2017). Dadurch kommt es beim Verwaltungspersonal im Finanzdienstleistungssektor zu einer deutlichen Abnahme der externen sozialen Interaktion (-22% zwischen 1995 und 2015), während wiederholende und standardisierte Aufgaben steigen (+28% bzw. +34%) (Bisello et al. 2019). Diese Berufsgruppe war bereits 1995 durch eine starke Computernutzung gekennzeichnet, die bis 2015 weiter stieg. Auch beim technischen Personal im Finanzsektor kam es zwischen 1995 und 2015 zu einem Rückgang der externen sozialen Interaktion (-15%) und einer noch deutlicheren Zunahme der Standardisierung (+63%). Auch wiederholende Tätigkeiten sind häufiger als vor 20 Jahren, jedoch in geringerem Ausmaß als die Standardisierung. Für ManagerInnen im Groß- und Einzelhandel sank die soziale Interaktion um rd. 7%, während die Computernutzung um 87% stieg. Insbesondere der Großhandel entwickelt sich zunehmend in [20]Richtung technologie-intensiver Geschäftspraktiken. ManagerInnen benötigen fortgeschrittene IKT-Fähigkeiten, um die digitalen Systeme nutzen und überwachen zu können, die die verschiedenen Geschäftsbereiche miteinander verbinden, und um die neuen Kommunikations- und Koordinationspraktiken (Websites, soziale Medien, aber auch z.B. Online-Zahlungssysteme) mit KundInnen, Geschäftspartnern und MitarbeiterInnen zu meistern (Forfás 2010; Cedefop 2016).