[4]Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Print: ISBN 978-3-7910-4717-1 Bestell-Nr. 10382-0001
ePub: ISBN 978-3-7910-4718-8 Bestell-Nr. 10382-0100
ePDF: ISBN 978-3-7910-4719-5 Bestell-Nr. 10382-0150

Olivia de Fontana/Sabine Pelzmann

Führung und Macht

1. Auflage, April 2020

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[9]Vorwort

Was ist eigentlich Führung? Genügt es, ein bestimmtes Leistungsniveau herzustellen und aufrechtzuerhalten? Oder sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei auch (noch) zufrieden sein? Dies sind wohl die beiden am häufigsten diskutierten Fragen in der Führungsforschung – traditionell und aktuell. Aber vielleicht geht es bei Führung ja auch um etwas ganz anderes. Wie Keith Grint es vorschlägt, ist Führung eine von mehreren Herrschaftsformen, wobei Führung insbesondere dazu geeignet ist, mit sogenannten »wicked problems« umzugehen, also komplexen, schwierig zu lösenden, neuartigen und schwer einzugrenzenden Problemen. Dabei kommt Führungskräften ein nicht unerhebliches Potenzial zu, spezifische Interpretationsmuster für bestimmte Situationen zu liefern und damit auch ein bestimmtes Führungsvorgehen zu legitimieren. Führungskräfte, ob sie es wollen oder nicht, framen also. Sie bieten Erklärungen an und etablieren so Diskurse und Handlungsrahmen für andere und sich selbst.

Sich dem Thema der Führung aus einer eher wissenschaftlichen Perspektive zu nähern, so wie ich es eben getan habe, stellt natürlich nur eine Möglichkeit dar. Beim Thema Führung geht es auch um ganz pragmatische Dinge, wie zum Beispiel Zielvereinbarung, Konfliktlösung, Teambildung und natürlich Motivation. Die Autorinnen dieses Buches adressieren diese und weitere Aspekte, und sie wählen dabei einen, wie ich finde, sehr spannenden Zugang.

Führung wird in der Organisations- und Managementlehre häufig als organisationales Phänomen begriffen, obwohl es ja eigentlich ein gesellschaftlich informiertes ist. Dies machen sich die Autorinnen zunutze, indem sie in Märchen – als eine spezifische Form gesellschaftlicher Narrative – geronnenes Führungswissen untersuchen. Ich mag diesen Ansatz sehr, da er kulturell-historische Führungsthemen und -verständnisse sichtbar macht und diese gleichzeitig in aktuelle gesellschaftliche und organisationale Kontexte einbettet. Damit begegnen die Autorinnen elegant der Kritik, dass Märchen lediglich traditionelles Kulturgut darstellen, welches uns näherbringt, wie es früher einmal war. Aber erzählen wir Märchen ausschließlich aus geschichtlichem Interesse? Oder nur zu Unterhaltungszwecken? Vielleicht. Eventuell existieren jedoch noch weitere Gründe, warum das Märchenerzählen nach wie vor populär ist. Ich persönlich glaube, dass Märchen uns auch etwas über unsere heutige Gesellschaft und unsere heutigen Organisationen vermitteln können, insbesondere wenn wir uns mit traditionellen Weisheiten und Moralvorstellungen ebenso auseinandersetzen, wie wir es mit aktuellen tun.

In diesem Sinne inspirieren uns Märchen, auch über gute und schlechte Führung nachzudenken – so wie es die Autorinnen in diesem Buch tun. Und sie tun dies auf eine [10]faszinierende Weise, nämlich in Form von assoziativen Dialogen. Nach jedem der in diesem Buch adressierten Märchen findet sich ein von den Autorinnen geführtes Gespräch, in welchem sie ihre Gedanken und Meinungen zu den im jeweiligen Märchen vorzufindenden Führungsaspekten diskutieren. Diese Dialoge sind für mich das Juwel dieses Buches, da sie die Leserinnen und Leser nicht nur mit vielfältigen und höchst spannenden Ideen konfrontieren, sondern beim und nach dem Lesen auch zur Reflexion der eigenen Führungs- und Beratungspraxis anregen.

Dass die Autorinnen in ihrem Buch eine funktionalistische Vorgehensweise, a la ›gute Führung muss so-und-so aussehen‹, vermeiden, begrüße ich sehr. Viel zu oft wird in der Führungsliteratur instrumentell und leider auch reduktionistisch argumentiert. Dabei wird häufig vergessen, dass die soziale Welt doch ein bisschen komplexer ist, als uns einfache Führungsrezepte glauben machen wollen. Das Buch, so wie ich es lese, ist eine Einladung zum Nachdenken. Es lädt seine Leserinnen und Leser zum Beispiel ein, über Führung allgemein, über die eigenen Führungsauffassungen, über die Führungskraft sowie über die von ihnen Geführten nachzudenken. Und es tut noch mehr: Es lädt uns dazu ein, darüber nachzudenken, wie uns in Märchen vermitteltes Wissen genau dieses Nachdenken ermöglicht.

Dr. habil Ingo Winkler,
assoziierter Professor für Organisation und Führung, Süddänische Universität, Odense

[11]Einleitung

Wir sind beide mit Märchen aufgewachsen. Sie wurden uns von unseren Müttern und Großvätern erzählt, später haben wir selbst Märchen aus unterschiedlichen Kulturen gelesen und unseren Töchtern weitergegeben.

Als Beraterinnen und Führungskräfteentwicklerinnen haben wir uns mit verschiedenen Führungsansätzen und Methoden zur Führungskräfteentwicklung auseinandergesetzt. Wir bauen beide maßgeschneiderte Führungskräfteentwicklungsprogramme, die die teilnehmenden Führungskräfte unterstützen sollen, den Gestaltungsraum ihrer Führungsrolle konstruktiv einzunehmen und für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Organisation zu sorgen.

Ein wichtiger Aspekt der Führung ist für uns der Umgang mit der eigenen Macht, die Verführung durch Macht und die Ohnmacht in der Führungsrolle.

In der Zusammenarbeit zur Entwicklung eines Managemententwicklungsprogramms für Führungskräfte im Bildungsbereich haben wir beide den Einsatz von Märchen als analoge Intervention thematisiert.

Daraus ist die Idee zu diesem Buch entstanden.

Die Idee war, uns über unsere Resonanzen und Interpretationen einzelner Märchen in Bezug auf Führung auszutauschen, um daraus gemeinsam ein Buch für Führungskräfte und Berater von Führungskräften zu entwickeln. In diesem Buch haben wir unsere Erfahrungen über Führung und unseren systemischen Beratungsansatz mit mitteleuropäischen Märchen der Gebrüder Grimm dialogisch kreativ gekoppelt.

Diese Gespräche zu den einzelnen Märchen waren für uns sehr bereichernd und auch überraschend. Im Dialog entwickelten sich Aspekte, an die wir einzeln nicht gedacht hatten. Wir sind in einen kokreativen Prozess eingetaucht, der uns neue Führungsanalogien in den Märchen eröffnet hat. Wir haben dialogisch den einzelnen Märchen eine Deutung aufgezwungen, die für uns zum jeweiligen Zeitpunkt des Gespräches relevant war und bieten unsere Interpretation der in diesem Prozess auftauchenden Führungsbilder unseren Leserinnen und Lesern an.

Dieser Prozess des sich dialogisch entwickelnden Interpretationsansatzes war und ist für uns spannend. Unsere Neugier auf die Assoziationen und Interpretationen der jeweils [12]anderen und unser Erlauben, diesen gemeinsamen Prozess fließen zu lassen, mit dem Wissen, dass daraus mehr entsteht: Es wurde ein generatives Gespräch daraus.

Uns ist bewusst, dass jede individuelle Erfahrung aufgrund von persönlichen Modellen, Prägungen und mentalen Routinen entstanden ist und wir durch unseren gemeinsamen dialogischen Prozess Neues entstehen lassen konnten.

Wir sind überzeugt, dass auch jede Führungskraft ein dialogisches Gegenüber in Augenhöhe braucht, um nicht im eigenen Mindset hängen zu bleiben.

Die Beschäftigung mit Märchen ist auch deshalb interessant, weil wir uns nur teilweise mit den Märchenfiguren identifizieren können. Das Märchen zwingt uns, eine Situation mit Distanz anzusehen. Und das ist ja eine der wichtigsten Führungskompetenzen: in Distanz zu einer Situation zu gehen, in der ich eigentlich Beteiligte oder Beteiligter bin, um aus dieser Metaperspektive eine Entscheidung zu treffen.

Dabei können uns Märchen helfen.

Wir haben uns bewusst bekannte und weniger bekannte Märchen der Gebrüder Grimm als Basis für unseren Führungsdialog ausgesucht, weil sie im Mitteleuropa, in unserem Kulturkreis, als Volksmärchen erzählt wurden und werden. Märchen sind für Kinder und Erwachsene geeignet und wir wünschen uns, dass die Märchen auch nach unserem Dialog in ihrer Rätselhaftigkeit stehen bleiben.

Die Arbeit mit den Märchen bewirkt, dass wir uns mit einem Problem auseinandersetzen können, dieses Problem aber gleichzeitig auch von uns distanzieren können. Die Arbeit am Märchen kann als ein Bemühen verstanden werden, auf etwas hinzuschauen, das hinter der allgemeinen, konkreten Realität steht, letztlich auf etwas, das im Symbol zugänglich ist. In Märchen und Mythen werden uns die tragenden Elemente des kollektiven Unbewussten zugänglich und ermöglichen uns, eine schwierige Situation aufzuarbeiten.

In allen Märchen geht es um substanzielle Lebensfragen und -strategien. Jacob Grimm nannte die Märchen »Niederschlag uralter, wenn auch umgestalteter und zerbröckelter Mythen.«1 Andere Wissenschaftler meinten, dass Märchen älter als Mythen seien. Es wird eine Krise geschildert – meistens eine individuelle Entwicklungskrise – und am Ende [13]geht es darum, einen lieben Mann oder eine liebe Frau zu bekommen, dass der König und die Königin glücklich sind und ihr Reich gut regieren. Michael Köhlmeier drückt es so aus, dass das Märchen am Ende Erfüllung bietet.2 Auch in Organisationen sehnen wir uns nach Erfüllung.

In den Märchen wird für uns immer wieder thematisiert, dass es Aufgabe der Führung ist, auf dieses »Ganze« zu schauen und zum Gedeihen des »Ganzen« beizutragen, auch wenn dazu immer wieder einmal schwierige und unpopuläre Entscheidungen notwendig sind.

Uns ist es wichtig, mit unserem »Märchendialog« Ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit Märchen – auch in Bezug auf den Aspekt Führung – anzustoßen und Beratern von Führungskräften mit diesen Märcheninterpretationen und mit den von uns dazu entwickelten Übungen Werkzeuge zur Reflexion der Führungsarbeit an die Hand zu geben.

Wir beschäftigen uns in diesem Buch mit verschiedenen Phasen der Führung, zum Beispiel: Wie kann man Nachwuchsführungskräfte gut auf ihre zukünftigen Rollen vorbereiten? Wie kann man als Führungskraft eine Führungsrolle loslassen? Wie gehe ich als Führungskraft mit meiner Einsamkeit um und wie kann ich als Führungskraft für mich sorgen, um längere Zeit eine Führungsrolle gut ausfüllen zu können?

Märchen sind hart, da werden Söhne in die Fremde geschickt, da werden einem Mädchen die Hände abgehackt, doch diese Härte und die Klarheit der Symbole machen betroffen. Die Märchen sprechen an, worauf es bei Führung wirklich ankommt.

Der Aufbau dieses Buches

Dieses Buch gliedert sich in drei Teile. Die Märchen des ersten Teils beschäftigen sich mit Rollenklarheit, Macht und Abgrenzung. Im zweiten Teil geht es um Werte, Talente und Belohnung. Und der dritte Teil handelt von Loslassen, Wandel und Coaching.

In jedem Buchteil stellen wir in den einzelnen Kapiteln jeweils ein Märchen vor und Sie finden dabei auch unseren Dialog über die Führungsaspekte in diesem Märchen. Zum Thema jedes Märchens stellen wir zwei von uns entwickelte Übungen vor: eine individuelle Reflexionsaufgabe und eine Übungsaufgabe für eine Dyade oder für ein Team.

Unser Buch folgt einer Logik, Sie können dieses Buch jedoch gerne auch kapitelweise lesen, wenn Sie an bestimmten Führungsaspekten oder bestimmten Märchen interessiert sind.

[14]Wir laden Sie ein, sich genauso wie wir beide auf einen Prozess einzulassen. Lesen Sie das Märchen und unseren Dialog dazu, lassen Sie beides auf sich wirken und bei Interesse führen Sie die anschließenden Übungen, die wir für bestimmte Führungsaspekte jedes Märchens entwickelt haben, durch – allein, zu zweit oder im Team.

Wir wünschen Ihnen mit diesem Buch eine eher ungewöhnliche, spielerische Auseinandersetzung mit der Führungsrolle, den Aufgaben und Herausforderungen von Führung!

Olivia de Fontana und Sabine Pelzmann


1 Quelle: Lüthi, Max: Märchen 9. Auflage; Stuttgart 1996, zit. nach Dauster, Eva: Märchen als Produkte der jeweiligen Kultur, 2002, https://www.grin.com/document/107453, abgerufen 22.1.2020.

2 Köhlmeier, Michael: Eine lebenslange Liebe. Innsbruck 2018.